Archiv der Kategorie: Bedeutungsgestaltung

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Es gibt keine Bedeutung an sich

Bedeutung entsteht schon immer durch die bewusste Verarbeitung von Wörtern, die jemand verbreitet. Die Reichweite war früher beschränkt auf Personen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden. Dadurch umgaben Inhalte auch immer ein nachvollziehbarer kultureller, sprachlicher und sozialer Kontext, der das Verständnis leichter machte. Mit den Massenmedien wurden über Jahrhunderte Wörter von fachkundigen Publizisten einem ständig wachsendem Publikum bereitgestellt – via Presse, Radio und TV. Dies führte zu einer einheitlichen Sprache und einem Pressekodex, der der Wahrheit, Zuverlässigkeit und Menschenwürde verpflichtet ist. Gleichzeitig entwickelte sich die Kunst, Inhalte verdreht zu interpretieren, um dadurch die Meinungsbildung des Publikums zu beeinflussen.
Durch das Internet ist es jetzt wieder möglich Gedanken direkt von Einem zum Anderen ohne sachverständige Vermittler auszutauschen – allerdings beschränkt auf die genutzten Wörter, die ohne zusätzliche Kontexthinweise sowie ohne Anhaltspunkte auf vorsätzliche Beeinflussung verinnerlicht werden. Als Empfänger von Unmengen an Nachrichten gehen wir davon aus, dass diese Botschaften genau das bedeuten, was wir darunter verstehen.

Grundlage ist der Trugschluss zu denken, dass Sätze und Wörter etwas Eindeutiges bedeuten. Vielleicht sollte man sich die Eigenschaften von Aussagen bewusst machen. In diesem Beitrag geht es nur um geschriebene und gesprochene Sprache – nicht um bildliche Darstellungen. Einfachheitshalber sprechen wir dabei vom Sprecher und vom Zuhörer, was auch den Schreiber und Leser einschließt.

  • Eine Ansammlung von Wörtern
    Sprache liefert eine Reihe von Wörtern, die, mehr oder weniger, den grammatischen Regeln folgen. Der Sprecher wählt die Ausdrücke aus seinem Wortschatz, mit etwas Glück orientiert an seiner Zielgruppe – die passende Landessprache und einen angemessenen Jargon. Das Publikum empfängt die Wörter und versteht den Sinngehalt durch das eigene Sprachvermögen. Die allgemeine Annahme ist, dass es dabei zu einer weitreichenden Überlappung der Bedeutung kommt, was sehr wahrscheinlich nicht so ist.
  • Eine Vielzahl von Absichten
    Jede Aussage umfasst immer mehrere Absichten: 1) Sagen, was ist; 2) Auffordern, etwas (nicht) zu tun; 3) Offenlegen, etwas (nicht) zu tun; 4) Mitteilen, wie es einem geht; 5) Bekannt geben, was gilt. All das findet sich in einem Satz und wird je nach dem Interesse der Zuhörer bemerkt. Die folgende Äußerung ist wahllos aus dem Strom von Nachrichten gezogen: A spricht B zwei Dinge ab: Erfahrung und Charisma. Was beinhaltet das: 1) B fehlt Erfahrung und Charisma. 2) B ist nicht annehmbar. 3) A nimmt B nicht an. 4) A fühlt sich nicht gut mit B. 5) B wird es nicht werden. Durchsuchen Sie selbst einen beliebigen Satz nach den enthaltenen Botschaften.
  • Ungeschickte Wortwahl
    Eine Aussage lässt sich mit unterschiedlichen Wörtern machen. Und manchmal vergreift man sich im Wording. Beispiel ist die Aussage „Das Soziale mit dem Nationalen versöhnen“. Trotz der geänderten Reihenfolge wird einem der doppelte Sinn bewusst. Bei der Menge anderer Wörter, die man hätte nutzen können, drängt sich die Frage auf, inwieweit das absichtlich oder unabsichtlich geschehen ist.
  • Wer weiß schon, was eigentlich gemeint ist
    Die Botschaft hinter den Wörtern wird auch mit bewusster Wortwahl nicht immer klar. Eine Aussage kann so gemeint sein, wie sie gesagt wird. Es kann jedoch auch etwas zum Ausdruck gebracht werden, ohne es zu meinen. Schnell wird etwas ausgedrückt, was anders gemeint ist. Besonders frustrierend ist es, wenn man etwas sagt und niemand versteht, was man im Sinne hat. Aus diesen Gründen ist ein offener, wechselseitiger Diskurs mit Fragen und Antworten immer einer einseitigen Proklamation vorzuziehen.

Fazit: Es ist zu befürchten, dass es keine gemeinsame Grundlage mehr gibt, um allseits akzeptierte Tatsachen auszudrücken. Die eigentliche Bedeutung steckt im Auge des Betrachters und seiner opportunistischen eigenen Auslegung. Obwohl der Sprecher meint, dies steuern zu können, sind es die Zuhörer, die den Gehalt und die Absicht einer Aussage verarbeiten. Heute haben alle, die Zugang zum Internet haben, einfache Möglichkeiten zu veröffentlichen. Dies verschärft die Situation, dass Meinungen in die Welt kommen, die es verdienen alternative Fakten genannt zu werden. Der Hintergrund ist unbekannt und die Inhalte werden unkritisch übernommen. Die Faktenchecker helfen an der Stelle nicht. Es handelt sich bei dem direkten Austausch im Internet um eine neue Form des Gesprächs, in dem Meinungen ausgetauscht werden. Im Interesse der Meinungsfreiheit muss dies erlaubt sein, auch wenn die Inhalte ohne Verzögerung weltweit verfügbar sind und gleichzeitig Unmengen an Menschen direkt erreichen. Wir müssen lernen, zwischen den Äußerungen Einzelner und fachkundigen Veröffentlichungen zu unterscheiden, wie im alltäglichen Gespräch auf der Straße – auch wenn die Unterschiede nur schwer erkennbar sind. Es lohnt sich ein Blick in das Impressum der Publizisten. Dort wird ein Teil des Kontextes sichtbar oder verschleiert und man erkennt, mit wem man es zu tun hat oder eben nicht. Fehlen das Impressum, die Namen der Autoren, die Anschrift und die Telefonnummer, oder ist die Kontaktanschrift eine Freemail, oder liegen die Zuständigkeiten im Ausland, sind die Inhalte bedenklich. In jedem Fall gilt, dass es einfach keine Bedeutung aus sich heraus gibt.

Die natürliche Grenze

Wie unvorstellbar erscheint eine Stadt, die riesengroß ist und sich in eine Unter- und eine Oberstadt aufteilt. Die Grenze trennt die beiden wie die Berliner Mauer den Ost- von dem Westteil. Es findet keinerlei Austausch statt. Seit Jahrhunderten haben die Oberen und die Unteren die Existenz des jeweils anderen vergessen. Oben geht die Sonne nie unter – unten geht sie nie auf. In der Folge haben sich die Menschen an ihre Umgebung angepasst und sprechen mittlerweile eine eigene Sprache, die zwar gleich klingt, aber unterschiedliche Bedeutung transportiert. Eines Tages reißt eine Explosion einen riesigen Krater, der die Ober- mit der Unterstadt verbindet. Beide sperren den Krater weiträumig ab und stellen fest, dass sie direkte Nachbarn haben, die sogar ihre Sprache zu sprechen scheinen. Die Grenze löst sich auf.

Die ersten Treffen verlaufen angenehm, da die Sprachen offenbar sehr ähnlich sind und sogar gleiche Worte nutzen. Dann zeigt sich jedoch, dass die beiden Bereiche sich stark auseinanderentwickelt haben. Die folgenden Beispiele zeigen die Unterschiede.

  • Visuelle Wahrnehmung
    Die Oberstadt hat über die Jahrhunderte alle Bereiche, die nicht von Sonnenlicht erreicht werden, rund um die Uhr mit künstlichem Licht ausgestattet. Dadurch haben sie schließlich die Dunkelheit vergessen. Der Unterstadt geht es ähnlich. Mit der Zeit ist das Licht aus der Unterstadt verschwunden. Schließlich haben sie das Licht vergessen.
    Am Krater treffen sich Oberstädter und Unterstädter. Und beide sagen: „Ich sehe nichts.“ Ein erstaunlicher Konsens, da ja beide aus völlig unterschiedlichen Umgebungen stammen. Es dauert eine Weile, bis jemand versteht, dass beide etwas anderes meinen. Die Oberstädter können nichts sehen, da sie die Dunkelheit nicht durchdringen. Und die Unterstädter sehen nichts, weil sie von dem Licht geblendet sind.
  • Auditive Wahrnehmung
    Die Hörgewohnheiten haben sich in den beiden Nachbarschaften auch unterschiedlich entwickelt. Die dunklen Gänge der Unterstadt verschlucken schon nach wenigen Metern jegliche Schallwellen. Dadurch hat sich das Gehör der Unterstädter auf die tiefen Frequenzen neu eingestellt, deren lange Wellen weit hörbar sind. An der Oberfläche erfreuen sich die Oberstädter an den Klangfarben, die durch die hohen Frequenzen entstehen.
    Nach der Kraterbildung treffen sie sich im Krater und trauen ihren Ohren nicht. Und beide sagen: „Ich höre etwas Ungewöhnliches.“ Die tiefen Töne irritieren die Oberstädter und die hohen Klänge fühlen sich für die Unterstädter befremdlich an.
  • Kinästhetische Wahrnehmung
    Ober- und unterirdisch haben sich Wärmerezeptoren an die jeweiligen Lebensräume angepasst. Der permanente Sonnenschein und das künstliche Licht bräunen die Oberstädter und liefert ein gleichmäßiges Klima. Die Unterstädter sind im Gegensatz dazu ganz blass und die feuchte Frische des Untergrunds gewohnt.
    In dem Krater sind sie jedoch einer neuen Umgebung ausgesetzt, auf dass ihr Wärmeempfinden stark reagiert und beide sagen „Ich fühle mich unwohl.“ Die ungewohnte Kühle löst bei den Oberstädtern und die ungewohnte Hitze bei den Unterstädtern Stress aus.
  • Olfaktorische Wahrnehmung
    Beide Stadtteile haben in der langen Zeit an ihre Atmosphäre gewöhnt. In der Unterstadt herrscht stets eine hohe Luftfeuchtigkeit, die die Gerüche besonders gut transportiert. In Ermangelung von Licht haben sie sich daran gewöhnt ihrer Nase zu folgen, die in der Lage ist ihre Umwelt auseinanderzuhalten und die Mitmenschen an ihrem Duft zu erkennen. In der Oberstadt ist die Luft trocken und transportiert wenige Gerüche. Da sie sich auf ihre Augen verlassen können, achten sie nicht so sehr auf Düfte.
    Im Krater treffen die beiden Atmosphären aufeinander und Ober- und Unterstädter sagen „Es riecht befremdlich.“
  • Gustatorische Wahrnehmung
    Beide Stadtteile haben ihre Ernährung angepasst an ihre Umgebung. Die Oberstädter lieben scharfe Speisen, die roh gegessen werden. Die Unterstädter ziehen Gekochtes vor, dass die Geschmacksnerven weniger reizt, aber mit einer feuchten, breiten Fadheit betört.
    Bei den Treffen im Krater werden stets auch die Köstlichkeiten der Küchen ausgetauscht. Und beide sagen: „Das ist ja ungenießbar.“

Um es kurz zu machen. Der Radikale Konstruktivismus postuliert, dass es keine objektive Realität gibt, sondern jeder aus seinen Sinnesreizen und Erfahrungen sein ganz persönliches Bild der Wirklichkeit konstruiert. In dem obigen Beispiel haben wir ein simples Gedankenspiel durchgeführt, das zeigt, wie unsere Umgebung, unsere Ausdrucksweise bestimmt. Ganz offensichtlich haben sich die Ober- und Unterstädter weit auseinandergelebt. Sie haben sich ideal an ihre jeweilige Umgebung angepasst. Interessanterweise ist jedoch ihre Sprache über die Jahrhunderte unverändert geblieben. Sie haben zwar einige Worte vergessen, die nicht in ihre Lebenswirklichkeit passen, aber zentrale Ausrücke haben überlebt. Sie bedeuten jedoch stets etwas völlig anderes. Unsere Sinne liefern visuelle, auditive, kinästhetische, olfaktorische und gustatorische Reize, die wir dann mit unseren Erfahrungen mischen, um uns schließlich darüber zu äußern – in unserem Beispiel mit den gleichen Worten für unterschiedliche Bedeutungen.

Fazit: Seit Descartes versuchen wir, die Welt objektiv zu ergründen. Heute wissen wir, dass unsere Wahrnehmung nicht in der Lage ist, uns eine gemeinsame Wirklichkeit zu liefern. Die Wissenschaft hat dies schon lange erkannt. Wir versuchen jedoch immer noch, alles zu versachlichen. Das obige Beispiel soll auf einfachste Weise zeigen, wie unterschiedlich die Welt wahrgenommen werden kann, abhängig von der eigenen Sicht und Erfahrung. Nutzen können wir diese Erkenntnisse in unserer täglichen Kommunikation, indem wir uns das Folgende bewusst machen.

Erstens gilt: Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage. (Heinz von Foerster).

Zweitens gilt: Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick).

Im Alltag heißt das, dass man sich der natürlichen Grenze immer wieder bewusst ist und sich anstrengt, das Gegenüber zu verstehen.

Grenzen Los Lassen

In Zeiten der klassischen Kommandokette haben sich viele Kettenglieder mehr Offenheit gewünscht. Je stärker die Teilnehmer verkettet waren, desto länger und unflexibler haben sich die Unternehmen bewegt. Mit der Einführung von Computern wurde zwar das Zusammenspiel durch die Virtualität beschleunigt. Allerdings wurde gleichzeitig jeder Bestandteil immer mehr verfeinert und die Anzahl der Verbindungen erhöht. Mit fortschreitender Strukturierung kam der Ruf nach mehr Offenheit – mehr Flexibilität, mehr Kontaktmöglichkeiten und mehr Zusammenarbeit intern und extern. Die digitale Transformation ermöglicht heute die weltweite Vernetzung von Unternehmen, Gruppen und Individuen. Diese Offenheit wiederum macht heute vielen Angst – es fehlen klare Grenzen, Möglichkeiten zur Identifikation und Handlungsrahmen. Starr geht nicht und offen geht nicht. Was tun? Grenzen Los Lassen.

Wie starre Offenheit denkbar werden kann, schauen wir uns mal an an. Arbeiten wir uns entlang der Worte: Grenzen Los Lassen.

  • Grenzen
    Mit diesem Wort wird ein System mit bestimmten Eigenschaften festgelegt, denen sich die Einen verpflichtet fühlen und die Andersartige ausgrenzen. Der Zusammenhalt wird durch gemeinsame Ziele, Regeln und Überzeugungen bestimmt.
    Den Unterschied macht in diesem Fall die Durchlässigkeit der Grenzen – Verschlossenheit durch unüberwindbare Trennungslinien; permeable Offenheit in beiden Richtungen.
  • Los
    Bündelt man locker eine Menge von Einzelteilen, erhält man eine Charge, die in einem Schwung verarbeitet wird. Dies könnte auch eine Menge von Vorfällen sein, die locker auf einen (un)vorteilhaft niederprasseln. Oder der Startschuss für den nächsten Schritt.
    Den Unterschied macht in allen Fällen die Aktion, die entschieden durchgeführt wird – etwas zu tun und sich den Konsequenzen zu stellen.
  • Lassen
    Die Bereitwilligkeit sich auf etwas einzulassen oder zuzulassen hat einen großen Einfluss auf den Eindruck der Ver- oder Aufgeschlossenheit eines Systems. Spannungen entstehen, wenn sich der Zusammenhalt verkrampft und aggressiv seine Grenzen verteidigt. Und auch, wenn er sich durch unbegrenzten Zufluss von Ungewohntem auflöst.
    Den Unterschied macht das Wachstum – die gesunde Balance zwischen inhaltlicher Erstarrung und Auflösung.
  • Grenzenlos
    Die Vermeidung von Grenzen geht einher mit dem Verlust von Identität. Das Gefühl der Zugehörigkeit ergibt sich aus den gemeinsamen Werten und Ritualen. Ohne die Festlegung von Grenzen können sich die Einzelnen nicht einordnen bzw. austauschen.
    Der Unterschied ist die Form der Grenzziehung – dogmatische Grenzen erzeugen Gewalt; bedingungslose Offenheit führt zu unerfülltem Selbstbewusstsein und am Ende auch zu Gewalt.
  • Grenzen lassen
    Einfach Grenzen zu öffnen ist ungeschickt, da die Mitglieder einer Gruppe über das Fehlen von Grenzen nicht unbedingt glücklich sind (s.o.). Ignoriert man die Abgrenzung, werden wir durch unsere Gene angetrieben, unser Territorium zu verteidigen.
    Den Unterschied macht die Toleranz – Mauern müssen nicht gleich eingerissen werden, sondern brauchen nur angemessene Passagen und Regeln, um sich austauschen zu können.
  • Loslassen
    Man sollte sich nicht an dem festhalten, was das Denken und das Handeln beschränkt, oder auf dem Althergebrachten bestehen. Neu gedacht werden kann nur, wenn man das Gewohnte zumindest pausieren lässt. Dadurch entstehen Offenheit und die notwendigen Treffpunkte, um sich durch neue Ideen zu verbessern und zu erweitern.
    Der Unterschied entsteht mit der kontinuierlichen Erweiterung des Systems – Systeme, die sich nicht öffnen kollabieren; Systeme, die Offenheit für die eigene Entwicklung nutzen, wachsen nachhaltiger.

Fazit: Ob man jetzt die Grenzen loslässt oder grenzenlos lässt, bleibt dem Leser überlassen. Das Durchmischen der Worte hat hoffentlich bewusst gemacht, dass es um die Grauzone zwischen Grenzenlosigkeit und dem Eisernem Vorhang geht. Systeme haben keine Chance zu überleben, wenn sie sich abkapseln oder sich grenzenlos fraktalisieren. GrenzenLosLassen – die Auslegung liegt im Auge des Betrachters.

P.S.: Wer die Grenze der heutigen Zeichnung erkennt, hat verstanden.

Das Warum braucht Perspektiven

Die Antwort auf Warum ist keine einfache Sache, da sie aufgrund von unterschiedlichen Blickwinkeln  zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Mit der Entwicklung eines neuen Produkts müssen verschiedene Aspekte der Lösung hinterfragt werden. Stellen wir uns eine App für ihr Smartphone vor, die auf Basis der eigenen Onlineaktivitäten, neue Ideen für das eigene Geschäft generiert. Die Freemiumversion bietet pro Tag eine einzige Idee. Die Bezahlversion verfügt über zusätzliche Features und kassiert je nach Vertrag zwischen 0,1 € und 5 € für jede zusätzlich abgerufene Idee. Warum sollte man Geld in die Entwicklung dieser App stecken? Warum braucht es bestimmte Funktionen? Warum sollten die Kunden die Bezahlversion abonnieren? Zur Einschätzung der Viabilität des Entwurfs lässt sich ein Satz von Perspektiven nutzen. Das Warum erhält dadurch umfassendere Einsichten.

Im Folgenden werden mehrere Perspektiven genutzt, um zu ergründen, „Warum“ die beschriebene App Sinn macht. Daneben gibt es noch „unendlich“ viele weitere Aspekte, die relevant sein können. Betrachten wir einige allgemeine Perspektiven der App.

  • Kundenperspektive
    Kunden lieben Freemium, da sie sich zu Nichts verpflichten und kostenfrei die Vorteile des Angebots mehr oder weniger nutzen können. Eine Idee pro Tag addiert sich bereits zu 365 Gratisideen, die eine echte Einschätzung der Vorteile ermöglichen. Die Berücksichtigung der persönlichen Einstellungen liefert Ergebnisse, die für jeden Einzelnen wissenswert sind. Der Profi wünscht sich natürlich die Möglichkeit, mehr bedarfsorientierte Ideen schöpfen zu können. Flexible Bezahlmodelle bedienen diese verschiedenen Bedürfnisse. Trägt eine der Ideen Früchte, dann ist das Abonnement auf lange Zeit finanziert.
  • Inhaltliche Perspektive
    Die Herausforderungen sind die Themengebiete und ein Ansatz zur Vermeidung der Wiederholung von Ideen. In der Freemiumversion werden die Internetaktivitäten ausgewertet und zu einer neuen Idee pro Tag verdichtet. Im beruflichen Umfeld braucht es mehr Einstellungen, um das Zielgebiet an einer aktuellen Aufgabe auszurichten. Weitere Funktionen stehen zur Verfügung, wie beispielsweise die Rückverfolgung früherer Ideen. Auswertungen haben ergeben, dass Ideen ohne Grenzen generiert werden können.
  • Soziokulturelle Perspektive
    Eine wichtige Aufgabe wird es sein, die Bedenken einzelner Nutzer zu zerstreuen, die sich durch die Auswertung ihrer Internetaktivitäten beobachtet fühlen. Sie übersehen, dass diese Spuren im Netz sowieso bestehen und sie erstmalig die Möglichkeit erhalten, diese Spuren für sich selbst zu nutzen. Die eingesparte Zeit, die Weiterentwicklung des Geschäfts und das gesteigerte Ansehen, die sich aus den Ideen ergeben, sollten die Zweifler schnell eines Besseren belehren.
  • Technologische Perspektive
    Dieser cloudbasierte Service wird auf Basis von Big-Data betrieben, der heute bereits von großen Onlinehändlern genutzt werden. Beim Kauf einer CD erhält man zusätzliche Kaufvorschläge, wie „Andere Käufer, die diese CD gekauft haben, ….“. Der wesentliche Unterschied der App besteht in der steuerbaren semantischen Auswertung, die immer neue Einfälle generiert, und nicht einem Kaufanreiz dient. Die Features lassen sich mit dem speziellen, mehrsprachigen Bedeutungsengine auf einzigartige Weise einstellen. Das dazugehörige Patent wurde bereits erteilt.
  • Ökonomische Perspektive
    Es ist heute üblich, dass große Nutzergruppen über Freemiumangebote erschlossen werden. Der Business Case geht davon aus, dass 10% der zukünftigen kostenfreien Konten später die zahlungspflichtigen Pakete buchen. Daraus ergeben sich Einnahmen, die das Projekt in drei Jahren in die Gewinnzone bringen. Analysten kamen zu dem Ergebnis, dass der Effekt der Konditionierung durch nutzbare Ideen, die Anwender nachhaltig motivieren lange Zeit aktives Mitglied zu bleiben. Eine kleine, zahlungskräftige Gruppe wird sich für aufwendige Zusatzangebote interessieren. Der kritische Tipping-Point wird nach zwei Jahren erreicht. Im Anschluss wird die Hauptaufgabe sein, die Verfügbarkeit sicherzustellen und das Angebot kontinuierlich zu erweitern.
  • Politische Perspektive
    Bisher erlauben die Einführbestimmungen einen grenzüberschreitenden Austausch von Ideen. Sollte es dennoch zu einer Verschärfung der Zollbestimmungen kommen, dann lässt sich das Angebot leicht nationalisieren, d.h. die Programme werden landesspezifisch aufgesetzt und müssen damit keine Grenzen mehr überschreiten. Für den Wettbewerb ergeben sich keine störenden Verzerrungen, da das Geschäft der Hauptwettbewerber, den Beratern und Kreativbüros, stimuliert wird. Die Ergebnisse der App bestehen aus kurzen Ideen, die umfangreiche Beratungsangebote zur Umsetzung generieren. Der Einsatz in Krisenregionen und autoritären Staaten könnte schwierig werden, da der Netzzugang nicht sichergestellt ist.
  • Rechtliche Perspektive
    Bei den genutzten Daten handelt es sich um die Datenspuren, die der Anwender selbst im Netz erzeugt. Grundsätzlich gehören diese Daten den Nutzern. Die Ideen, die die App generiert, sind Public-Domain und können von den Anwendern kostenfrei genutzt werden. Es ist angedacht, eine rechtliche Prüfung in eine Premium-Version einzubauen. Die Produkthaftung der sich aus den Ideen ergebenden Angebote liegt weiterhin beim Hersteller. Damit spricht aus rechtlicher Sicht nichts gegen die App.
  • Ökologische Perspektive
    Der Einfluss auf die Umwelt wird vor allem durch den Betrieb der Rechenzentren bestimmt – Klimaanlagen, Stromversorgung, Treibstoff der Notstromaggregate. Die Ideen selbst sind an sich nicht umweltschädlich. Ökologisch bedenkliche Ideen werden auf einem nicht-dogmatischen Level soweit herausgefiltert, dass Umweltschäden minimiert werden, z.B. die Verschwendung von natürlichen Rohstoffquellen und nicht recycelbarer Müll werden standardmäßig vermieden. Positiv wirkt sich die App auf den CO2-Footprint der Ideen-Scouts aus, die ihre Recherchen auf das Netz beschränken.
  • Eigene Perspektive
    Die Entwickler haben berichtet, dass sie stolz sind, diese findigen Algorithmen gefunden zu haben, da in der Zukunft immer mehr Ideen erforderlich sind, damit Kleinunternehmen lebensfähig werden. Für sie ist das Programm ein Beitrag für die Arbeitswelt von morgen und übermorgen. Sie haben bereits Pläne für noch umfassendere Auswertungsmöglichkeiten. Die positive Einstellung der Beteiligten verspricht langfristig Schwung bei der Entwicklung neuer Features.

Fazit: Natürlich handelt es sich bei der Geschichte um Fake News. Aber das Beispiel zeigt, dass der Blick auf ein neues Produkt aus nur einer Perspektive, z.B. dem Business Case, unzureichend ist. Zusätzlich hat jeder der angedeuteten Blickwinkel seinen Zweck. Aus diesem Grund ist es immer von Vorteil, den Standpunkt zu wechseln, einen neuen Hut aufzusetzen, in den Mokassins von Anderen zu marschieren, um zu einer Gesamtbewertung zu gelangen. Erst dann nimmt man die tatsächlichen Potenziale wahr und kann frühzeitig die Herausforderungen erkennen. Um besser zu werden, braucht das Warum Perspektiven.

Der Wind – die ideale Metapher für Einflussfaktoren

Im Sport bestimmen die eigenen Anstrengungen die Leistung. Die Athleten trainieren über Jahre, um im richtigen Moment ihre antrainierten Stärken freizusetzen. Bei Wettkämpfen können jedoch die Ergebnisse durch äußere Einflüsse, wie dem Wind, verzerrt werden. Weltrekorde werden nur dann anerkannt, wenn die Windgeschwindigkeit geringer als 2 m/sek ist, da der Wind ansonsten die Ergebnisse verzerrt. In gleicher Weise wirken im Geschäftsleben aus allen Richtungen Einflussfaktoren auf die Anstrengungen – wenn auch manchmal als unerwarteter Joker, zugunsten eigener Ergebnisse.

Wind ist eine gerichtete Luftbewegung, die aus unterschiedlichen Richtungen weht. Die folgenden Abschnitte beschreiben einige Eigenschaften des Windes.

  • Windrichtung
    Der Wind entsteht infolge von unterschiedlichem Luftdruck und weht in verschiedenen Himmelsrichtungen (Nord, Süd, West, Ost und alle möglichen Zwischenstufen). Seitenwinde drücken einen aus der eingeschlagenen Richtung. Durch Thermik entstehen zusätzlich vertikale Winde (Auf- und Abwinde). Im Extremfall ändert sich die Windrichtung immer schneller, bis Turbulenzen entstehen, die aufgrund ihrer Unberechenbarkeit und Kraft gefährlich sind. Zwar können die Winde nicht erzeugt werden, aber die Menschheit hat gelernt sie zu nutzen – beim Segeln, zum Antrieb von Mühlen oder auch fürs Fliegen.
    Im Geschäftsleben entstehen Strömungen, die das Geschehen beeinflussen. Hierbei handelt es sich um das Verhalten der Mitarbeiter, neue Technologien oder unvorhergesehene Entwicklungen der Märkte. Sie wirken auch aus allen Richtungen. Häufig kommen sie von der Seite und erzeugen ein unmerkliches Abdriften, das schließlich am Ziel vorbeiführt. Kann man mit diesen Trends umgehen, lassen sie sich zum eigenen Vorteil nutzen, in dem man sich davon zusätzlich antreiben lässt. Setzen beispielsweise Wettbewerber verstärkt eine bestimmte Software ein, dann erhöht das die Akzeptanz im eigenen Unternehmen. Streben die Gegebenheiten aber entgegen der eigenen Richtung, belasten sie die Aktivitäten in Form von Widerständen. Wird in der Öffentlichkeit beispielsweise der Einsatz von Fremdarbeitskräften verstärkt kritisiert, kann es intern schnell zu einer entsprechenden Ablehnung führen. Ergeben sich immer neue Tendenzen aus unterschiedlichen Richtungen, dann müssen besondere Maßnahmen zur Absicherung des Tagesgeschäfts durchgeführt werden, wie z.B. konzertierter Austausch mit den Betroffenen.
  • Windgeschwindigkeit
    Totale Windstille hat es immer schon erforderlich gemacht nach anderen Energiequellen zu suchen – auf Schiffen werden dann Ruder oder Motoren eingesetzt; Mühlen können auch mit Wasserkraft arbeiten. Die Stärke des Windes reicht von einer leichten Brise, über starken Wind, bis hin zu Stürmen und Orkanen. Im Laufe der Zeit wurden Lösungen erfunden, um die Windkraft zu nutzen. Heutzutage werden Containerschiffe entwickelt, die wieder mit Windenergie angetrieben werden. Die ersten Schiffe erweitern ihren Antrieb mit großen Segeln (siehe hier) und sparen dadurch bereits ca. 20% Sprit ein.
    Im Geschäftsleben beeinflussen Veränderungen die tägliche Arbeit. Mal werden die eingesetzten Maschinen geändert, manchmal die Geschäftsabläufe umgestaltet oder auch die IT auf den neuesten Stand gebracht. Je weitreichender die Neuerungen sind, desto stärker drücken die Einflüsse. Finden dann auch noch viele Neuerungen zu einer Zeit statt, dann erhöhen sich die gefährlichen Verwirbelungen, die schlussendlich gefährlich werden können. Um nicht überwältigt zu werden von der Wucht der Einflüsse ist es nötig, dass man sich an den Indikatoren der Veränderungen orientiert und sie für das eigene Geschäft nutzt. Wirken sie in der gewünschten Richtung, dann kann man sich davon mitreißen lassen. Wenn der Druck jedoch aus der falschen Richtung kommt und den laufenden Betrieb gefährdet, kommt man nicht mehr umhin unangenehme Maßnahmen zu ergreifen. Dies können Änderungen in der Strategie oder zumindest bei der Planung der Umsetzung sein, aber auch Maßnahmen zum Austausch von Ideen, wie ausführliche Veröffentlichungen der aktuellen Situation oder Versammlungen der Belegschaft, bei denen Probleme offen angesprochen und für die Mitarbeiter nachvollziehbar aufgelöst werden.
  • Fahrtwind
    Eine besondere Form von Wind, der Fahrtwind, entsteht nicht durch die Unterschiede des Luftdrucks, sondern aus der eigenen Geschwindigkeit. Er entsteht beispielsweise, wenn man schnell unterwegs ist und sich mit der Zeit die Luft zu einer Wand aufbaut. Dadurch entstehen ähnliche Effekte wie beim natürlichen Wind. Der Fahrwind „weht“ dabei stets entgegen der eigenen Richtung. Bewegt man sich schneller als der Schall (mehr als 1062 km/h), dann durchbricht man mit einem lauten Knall sogar die Schallmauer. Der Widerstand kann durch gestalterische Anpassung der Form reduziert werden.
    Im Geschäftsleben kann es passieren, dass man zu viele Aktivitäten gleichzeitig aufsetzt. Dies führt quasi automatisch zu Gegendruck der Belegschaft. Die unwillkommenen Veränderungen lassen sich vor allem durch offenen Gedankenaustausch „windschlüpfriger“ machen. Zumeist entsteht der Widerstand aus fehlender Kenntnis der Sachverhalte. Durch Offenheit und frühzeitige Einbindung der Betroffenen werden diese Widerstände reduziert. Plant die Führungsmannschaft die Umsetzung in einer Geschwindigkeit, die es der Belegschaft nicht ermöglicht mitzukommen, dann erhöht sich der Gegendruck unmerklich, aber stetig. Selbst wenn viele Maßnahmen in die gewünschte Richtung von allen Betroffenen gehen, kann es den Mitarbeitern zu viel werden. In diesen Fällen kann man nur die Geschwindigkeit drosslen, um damit schneller zum Ziel zu kommen.

Fazit: Der Wind ist eine natürliche Kraft, die aus allen Richtungen Einfluss auf das Geschehen nimmt. Dabei spielen die horizontalen und vertikalen Kräfte und deren Stärke eine große Rolle. Entsprechend muss man sich auch im Geschäftsleben mit derartigen, entstehenden Strömungen auseinandersetzen. Schafft man es diese Ströme für sich auszunutzen, dann bringen sie einen schneller voran. Kommen sie von der Seite, ist es wichtig früh gegenzusteuern, um nicht vom Weg abzukommen. Geht es entgegen der eigenen Richtung, dann bremsen diese Widerstände und verzögern oder verunmöglichen sogar die Zielerreichung. Da das Geschäft sich mit ähnlichen, schwer zu beherrschenden Kräften auseinandersetzen muss, ist der Wind eine ideale Metapher für Einflussfaktoren.

Wörter mit Bedeutung aufladen

In Zeiten des Populismus werden Wörter mit Bedeutung aufgeladen. Eigentlich entsteht die Bedeutung eines Wortes im Kopf des Lesers oder Hörers, die eine Botschaft mit ihren Gedanken verbinden und so ihr persönliches Verständnis entwickeln. Diese Wirkung kann jedoch durch weitere Informationen gezielt verfälscht werden. Besonders spezialisierte Sprachjongleure, die dem Zuhörer suggerieren, dass sie wissen, was gemeint ist, erzeugen so ihre eigenen Botschaften. Durch diese Einflüsse wird das Publikum entmündigt und entsprechend der Gesinnung des Vortragenden manipuliert.

Wie laden sie Wörter mit Bedeutung auf?

  • Verfälschte Absichten unterstellen
    Der direkte Weg zu einer neuen Bedeutung ist es den ursprünglichen Sprechern oder Schreibern bestimmte Absichten zu unterstellen. Darauf aufbauend zitiert man Beispiele, die, durch die vorbereitete Rahmensetzung, die angestrebte Manipulation erzeugen. Was immer ursprünglich gesagt wurde, ist weg. Beispiel: Mit der Aussage „Der Autor wollte uns damit sagen, dass …“ definiert der Kommentator eine neue Bedeutung. Man sollte auf solche Behauptungen besonders achten, weil sie ein Zeichen für eine Verzerrung der Bedeutung sein könnten.
  • Den Kontext verschieben
    Weniger offensichtlich ist die Verschiebung des Kontexts. Indem man die Aussagen einer bestimmten Gruppe zuschreibt oder sie in einen historischen Rahmen stellt, ergeben sich neue Möglichkeiten der Auslegung. Da sich Wörter in einem kontinuierlichen Wandel befinden, kann es sein, dass man in der Geschichte eine negativ beladene Zeit findet. Der Inhalt erhält dadurch eine neue begriffliche Grundlage, die die ursprüngliche Aussage verfälscht. Der Kontextwandel erzeugt eine neue Bedeutung.
    Beispiel: Die Aussage „Wir sind das Volk“ erzeugt im Zusammenhang des Jahres 1989 in Deutschland eine andere Bedeutung als bezogen auf das Jahr 2014. Es ist hilfreich, auf den Kontext zu achten.
  • Uminterpretation durch mehrdeutige Synonyme
    Worte sind oft mehrdeutig – z.B. Der Schritt durch einen Flügel des Eingangs brachte ihn in den hinteren Flügel des Gebäudes, wo ein Flügel aus dem Hause Steinway steht. Inhalte können in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, indem entsprechende Synonyme genutzt werden, die wiederum über ein weites Feld der Interpretation verfügen. Dies kann mit mehreren Wörtern gleichzeitig oder hintereinander erfolgen. Beispiel: Die Aussage „Durch Transparenz der Erwartungen hat man mehr Vorteile“ wird durch andere Wörter verzerrt „Durch klare Sicht auf die Bedürfnisse baut man die eigenen Gewinne aus.“ Die Wortwahl sollte stets hinterfragt werden.
  • Versteckt widersprechen
    Geschickt ist es die Interpretation nicht konkret auszusprechen, sondern sokratisch mit einer anderen Interpretation zu widersprechen. Dies suggeriert eine neue Bedeutung, ohne sie explizit zu machen. Beispiel: „Ehrlichkeit ist die Grundlage für Kommunikation.“ wird widersprochen, ohne konkret zu werden, indem man sagt „Die eigene Einstellung sollte nie einen Nachteil ergeben bei wechselseitigem Handeln.“ Es ist geschickt sich nicht durch Widerspruch ablenken zu lassen von dem, gegen das tatsächlich Einspruch erhoben wird.
  • Wertende Überschriften
    Die angenommene Unparteilichkeit von Nachrichten verstärkt Aussagen zusätzlich, indem beispielsweise einzelne Aspekte betont werden. So bereitet ein Titel die Leser auf den sachlichen Inhalt einer Nachricht vor. Leider geht dabei schnell die unvoreingenommene Information verloren. Beispiel: Mit dem Titel „Gewalt gegen Journalisten bei Pegida-Demo“ legt man den Schwerpunkt auf die Demonstranten, wogegen „Dutzende Festnahmen bei Demonstrationen in Moskau“ wohl eher auf die Polizei abzielt. Ein Blick auf die beteiligten Parteien sowie die bevorzugte oder beschuldigte Seite lohnt sich immer.

Fazit: Am Ende des Tages ist es nicht möglich zu wissen, was jemand ursächlich meint. Dadurch sind alle Kommentare zu den Beiträgen von Anderen vor allem Ausdruck des Auslegers. Trotzdem wird der Eindruck erweckt, dass es eine bestimmte, richtige Auslegung gibt. Dabei erfolgen dann Unterstellungen, Verschiebungen des Kontexts, Uminterpretationen durch doppeldeutige Synonyme, das verdeckte Widersprechen von Sachverhalten und wertende Überschriften. Auf diese Weise laden Dritte, Kommentatoren und Kritiker, jede Botschaft von anderen mit einer Bedeutung auf, die nicht unbedingt der ursprünglichen Absicht entspricht. Aufpassen!

Die Agilität der Älteren

Denken wir an Agilität, dann denken wir im Alltag an Hundertjährige, die in guter Verfassung ihr Leben leben. Oder den Tai-Chi-Meister, der auch noch in fortgeschrittenem Alter seine Übungen macht. Oder der Unternehmer, der sein Unternehmen weit jenseits der Rentengrenze selbst führt. Oder der Concierge, der einem seit Jahrzehnten jeden Wunsch von den Lippen abliest und sich nicht zu schade ist, Besorgungen selbst vorzunehmen. Meistens werden die älteren Menschen als agil beschrieben, die sich eine gewisse Fitness erhalten haben. Auch Unternehmen wollen jetzt immer öfter agil werden. Können sie etwas von der Agilität der Älteren lernen?

Agilität im Geschäftsleben ist vor allem bestimmt durch das agile Manifest. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass sich das Manifest auf die Entwicklung von Software bezieht. Außerhalb der IT-Abteilung gelten jedoch andere Bedingungen – weniger Entwicklung, mehr Routine, komplexere Zusammenhänge. Und trotzdem werden viele neue Ansätze mit dem neuen Adjektiv agil versehen – agiles Projektmanagement, agile Organisation, agile Produktentwicklung, agile Personalentwicklung.

Junge Start-ups sind von Natur aus dynamisch. Sie handeln ohne den Ballast der über die Zeit entwickelten Strukturen und Formalismen. Entscheidungen fallen, wo die Energie besteht und Tatsachen geschafft werden. Etablierte Organisationen wollen zurück in diese jungen Jahre, als sich alle unbürokratisch für das Ganze eingesetzt haben – natürlich mit  ihrer langjährigen Erfahrung. Was können diese Unternehmen von den agilen Alten lernen?

  • Die verbliebenen Fähigkeiten
    Das Geschick, um im aktuellen Kontext flink und findig auf die Herausforderungen zu reagieren, macht den Unterschied – Neues auszuprobieren, Bestehendes zu hinterfragen, aus sich heraus Energie zu entwickeln. Die arbeitsteilige Gliederung der Aufgaben erlaubt es nicht mehr, außerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereichs aktiv zu werden. Unternehmen wollen den engagierten Unternehmer im Unternehmen und müssen dafür agil werden.
  • Die rüstige Konstitution
    Nachdem die dafür geschaffenen Bereiche ohne Unterlass neue Regeln, Formulare und Vorgehensweisen erzeugen, ohne je veraltete abzuschaffen, laufen die Unternehmen Gefahr senil zu werden. Die bestehenden Regelungen sind wie eine klobige Ritterrüstung, die keine Bewegungsfreiheit mehr bietet. Entbürokratisierung scheitert an der Bürokratie. Man kann ja auch nicht mit den Fröschen über die Austrocknung ihres Teichs verhandeln. Unternehmen behindern sich damit selbst. Es müssen offenere Formen der Regelungen gefunden werden, z.B. wertebasierte Governance.
  • Der robuste Aufbau
    Die Robustheit zeigt sich daran, wie widerstandsfähig und beständig die Beteiligten sind. Durchtrainiert und drahtig lassen sich die Schwierigkeiten der geschäftlichen Aufgaben sicherer bewältigen. Damit das Richtige richtig gemacht wird, müssen die Strukturen sich an den Ergebnissen und den Abnehmern orientieren – und immer wieder neu justieren.
  • Die grenzenlose Begeisterung
    Agile Teams sind euphorisch bei der Arbeit und stets Feuer und Flamme für ihr Thema. Leidenschaft ist der beste Treibstoff für den eigenen Ansporn. Grenzenlose Unternehmenslust reißt auch die mit, die gerade mal nicht so viel Schwung haben. Diese positive Energie lässt sich nicht verordnen. Dafür müssen passende Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Beteiligten Raum für Entscheidungen lassen – beispielsweise zeitliche Selbstbestimmung und inhaltliche Mitbestimmung.

Der Weg zur Agilität überwindet die Elemente, die einen normalerweise vergreisen lassen – rheumatoide Strukturen, sture Vorgehensweisen, eingeschränkte Wahrnehmung und verloren gegangene Mobilität. Störend wirken sich altersbezogene Unarten aus – fehlende Fehlertoleranz, erwarteter Vorrang von Älterem und stumpfe Regelbefolgung. Im Interesse der nachhaltigen Fitness des Unternehmens müssen die Entscheider die Verkalkungen in ihren Bereichen auflösen, da es ansonsten aufgrund von organisatorischen Thrombosen zu lebensgefährlichen Schlaganfällen kommen kann.

Fazit: Sobald ein gewisses Alter erreicht ist, müssen sich auch Unternehmen um ihre Fitness kümmern. Agilität schafft Möglichkeiten. Es ist wichtig, die überlebensnotwendigen Fähigkeiten zu erhalten oder sogar zu reaktivieren, nicht zeitgemäße Regelungen zu entschlacken, die Strukturen belastbar zu machen und eine positive Stimmung bei allen Beteiligten zu fördern. Dadurch wird Agilität zu einem Weg raus aus der organisatorischen Stagnation. Genau das können Unternehmen von der Agilität der Älteren lernen.

Jenseits der Informationsblase

Hätte Sokrates den Begriff bereits gekannt, wäre einer seiner berühmten Sprüche vielleicht so ausgefallen – „Ich weiß, dass ich nichts außerhalb meiner Informationsblase weiß.“ Die Tatsache, dass wir all das, was wir nicht wissen, nicht wissen können, ist eine unangenehme Situation. Seit Gutenberg haben die Massenmedien die Verfügbarkeit von Information ins Unermessliche wachsen lassen. Heute sind wir im Internet angekommen, wo alle alle erreichen können, sofern sie gefunden werden. In dieser komplexen Welt ist es natürlich, dass die Webseiten sich mit Gleichgesinnten vernetzt sind – Kreationisten vernetzen sich mit Kreationisten; Anhänger der Evolutionstheorie verlinken mit Anhängern der Evolutionstheorie. Was machen diese Sphären aus? Wie kommt man jenseits der Informationsblase?

Die Informationsblase ist beispielsweise durch die folgenden Aspekte bestimmt.

  • Konsistenz
    Der Zusammenhalt in einer Informationsblase entsteht durch einen stimmigen Zusammenhang. Die einzelnen Bestandteile wiederholen und ergänzen sich oder bauen sogar aufeinander auf. In jedem Fall widersprechen sie sich nie. Die dafür erforderliche Logik muss dazu so einfach und eingängig wie möglich sein.
  • Sprache
    Durch die gemeinsame Sprache wird die Konsistenz sichergestellt. Die Beiträge wiederholen immer ein ähnliches Muster. Dies führt im Laufe der Zeit zu einer High Context Kultur, die von außen nur schwer verstehbar ist bzw. falsch interpretiert wird. Informationsblasen leben von ihrem technischen Jargon.
  • Dogmatik
    Informationsblasen haben die Tendenz sich gegen Eingriffe in ihre Konsistenz und ihren Jargon zu wehren. Andersartige Weltsichten werden mit allen Mitteln und so früh wie möglich im Keim erstickt und aktiv ignoriert. Wiederholungen der Inhalte durch Wiederverwendung werden belohnt. Fehlverhalten wird sofort diffamiert, meistens als Unwissenheit oder als Lüge oder als Falschmeldung.
  • Interne Verlinkung
    Eine wichtige Funktion ist der Einsatz von Querverweisen innerhalb der eigenen Informationsblase. Im Interesse der Konsistenz verbieten sich Links auf gegensätzliche oder andere Meinungen. Dadurch entsteht ein geschlossenes Denkgebäude, dem die Offenheit und der Diskurs mit anderen Themen fehlt.
  • Filter
    Das Internet suggeriert völlige Erreichbarkeit. Dabei haben die Anbieter der Netze und die sozialen Plattformen jederzeit die Möglichkeit und zwischenzeitlich sogar die Pflicht Filter einzubauen. Diese Filter verhindern die Sichtbarkeit bestimmter Webseiten. Besonders Staaten und Unternehmen, die meinen, Kontrolle ausüben zu müssen, können mit einfachen Mitteln und ohne bemerkt zu werden unliebsame Inhalte ausblenden.

Aus der Blase gibt es eigentlich kein Entrinnen, außer man verfügt über einen Blick über die Tellerränder. Dazu braucht es:

  • Neutrale Suchmaschinen
    Solange es übergreifende Suchmaschinen gibt, die in alle Informationsblasen hineinschauen können, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass man über die eigene Informationsblase hinausblicken kann. Das Problem besteht darin, dass man keinerlei neutrale Möglichkeiten hat, gefilterte Inhalte zu erkennen, außer man erhält Hinweise aus anderen Medien oder durch Mundpropaganda. Man weiß nie, was man nicht weiß.
  • Allgemeine Regeln für Filter
    Im Interesse einer maximalen Offenheit sollten Regeln für ein offenes Internet definiert sein. Diese sollten technisches Blockieren, die Entfernung von Suchergebnissen, die Abschaltung von Webseiten und Selbstzensur regeln. Grundsätzlich gibt es Fälle, in denen Filter berechtigt sind – Pädophilie, Terrorismus oder Ähnliches. Leider gibt es noch keine allgemeingültige Auslegung, welche Webseiten zu filtern sind und welche nicht.
  • Gegenseitige Toleranz
    Das Gelten- und Gewährenlassen von anderen Meinungen ist ein Ansatz, der allen zur Verfügung steht, aber aus verständlichen Gründen nicht genutzt wird. Die Auseinandersetzung mit entgegengesetzten Standpunkten würde sicherstellen, dass der eigene Ansatz stabiler wird. Mit der entsprechenden Toleranz werden Diskurse erst möglich.

Fazit: Die Informationsblase ist ein natürliches Phänomen. Die gemeinsame Sprache, der Notwendigkeit von konsistenten Inhalten, die innewohnenden Überzeugungen, konsequente Querverweise und Filter schaffen einen geschlossenen Denkansatz. Mit neutralen Suchmaschinen, allgemeine Regeln für die Filter und gemeinsame Toleranz kommt man jenseits der Informationsblasen.

Der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis

Die Sprache bietet keine hinreichende Grundlage, um einen Satz zu interpretieren. Reißen wir einen der Weltliteratur aus seinem Kontext – „Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, offenbar nicht, dass er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine Unterhaltung anzuspinnen”. Man kann sich besser vorstellen, was gerade passiert, wenn man weiß, dass der Satz aus Anna Karenina von Leo Tolstoj stammt. Sofort passen sich die inneren Bilder an. Macht man sich noch bewusst, dass man sich in einem Zugabteil befindet, kommt man der Sachlage noch näher. Die folgende Abbildung schafft links einen Bezugsrahmen und bietet rechts Genussmittel für Raucher. Welches passt am besten? Das hängt davon ab, welcher Sinnzusammenhang in Ihrem Kopf besteht, denn der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis.

contextsmoking

Wenn man einen Vortrag vorbereitet, muss man sich um die Begleitumstände kümmern. Es sind drei Aspekte, die diesen Gesamtkontext beeinflussen.

  • Die Präsentation
    Da man nur die Dinge versteht, die man in Worte und Bilder ausdrücken kann, ist die Gestaltung der Präsentation eine Voraussetzung für die Übertragung von Bedeutung. Die meiste Zeit beschränken sich manche auf die Ermittlung von Fakten, die es wert sind, mitgeteilt zu werden. Leider endet damit für viele die Vorbereitung. Dabei sollten die Informationen stets aufmerksam in die entsprechenden Worte, Metaphern und Visualisierungen übersetzt werden, die die Zielgruppe verstehen. Die Vermittlung der eigenen Ideen ist der eigentliche Zweck. Am Ende muss der Wurm dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
  • Die Veranstaltung
    Der Deutungsrahmen, der durch die Veranstaltung aufgebaut wird, bestimmt die Auslegung der Botschaften. Der Titel der Veranstaltung, die verschiedenen Themenbereiche und die teilnehmenden Referenten mit ihren Programmpunkten lenken die Aufmerksamkeit des Publikums in eine bestimmte Richtung. Mitteilungen, die nicht in den Rahmen passen, werden sich schwertun, ausreichend Beachtung zu erhalten. Aus diesem Grund sollte man sich stets überlegen, wie man die eigenen Beiträge auf den Rahmen der Veranstaltung zuschneidet. Zumindest sollten Titel, Beispiele und Präsentationsstil sich in das Programm einfügen. Schließlich brauchen die Botschaften den gelockerten Boden im Bewusstsein des Publikums, damit sie Wurzeln schlagen können.
  • Die Zielgruppe
    Der Gesamtkontext wird bestimmt durch die Herkunft und das Fachgebiet der Zuhörer. Der kulturelle Hintergrund lässt sich aus dem Ort der Veranstaltung ableiten. Kommen die Adressaten aus der westlichen Hemisphäre, sind sie beispielsweise durch Werte geprägt, wie Gut und Böse, Richtig und Falsch. Die fernöstliche Herkunft baut auf der Ausgewogenheit von Yin und Yang auf. Entsprechend ist der Wunsch nach Anerkennung im Westen mehr und im Osten weniger ausgeprägt. Die Eigenschaften der zu erwartenden Teilnehmer lassen sich auch aus der Veranstaltung ableiten. Dabei geht es vor allem um die Unterscheidung, ob es sich um technik-, verkaufs- oder führungsorientierte Zuhörer handelt. In jedem Fall sollte die Präsentation an den jeweiligen Anlass angepasst werden. Schließlich gibt es keinen allgemeinen Ablauf des Vortrags, der für alle erdenklichen Gelegenheiten passt.

Jeder Zuschauer und alle Vortragenden bringen ihren Gesamtkontext ein. Die Wirkung des Austauschs von Informationen ergibt sich aus dem Grad der Überlappung, den man für die Gesamtkontexte zustande bringt. Inwieweit man dies schafft, erkennt man an der Reaktion des Publikums.

Fazit: Der Gesamtkontext bestimmt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Botschaft die Zielgruppen erreicht. Dabei spielen weniger die eigenen Vorlieben eine Rolle, sondern vor allem die angepasste Präsentation, der allgemeine Veranstaltungsrahmen und die jeweilige Zielgruppe. Da sich der Kontext von einer zur anderen Veranstaltung stets ändert, sollten die entsprechenden Vorstellungen immer an den jeweiligen Fall angepasst werden, denn der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis.

Meme-it – Ideen haftbar machen

In den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts hatten wir die Zeit für den nächsten Level der Zettelwirtschaft erreicht. Aus dem praktischen Bedürfnis heraus die Lesezeichen seines Gesangbuches nicht immer zu verlieren hatte Art Fry Papierstreifen mit einem Klebstoff versehen, der sich wieder ablösen lies. Dies war die Geburtsstunde von einem allgegenwärtigen Werkzeug der Informationsgesellschaft, dem Post-it. Wäre es nicht toll, wenn es ähnliche Mechanismen gäbe, um Ideen besser im Bewusstsein von Zielgruppen zu verankern – ein Meme-it, dass Ideen haftbar macht.

Meme

Im letzten Jahrhundert haben sich Menschen Gedanken gemacht, wie man die Verbreitung von Ideen fördern könnte. In den zwanziger Jahren haben Wissenschaftler wie Harold D. Lasswell sich damit beschäftigt, wie man das menschliche Handeln durch die Manipulation von gesprochener oder geschriebener Sprache, Bildern und Musik beeinflussen kann. Nachdem die Möglichkeiten von PR und Marketing von verschiedenen Branchen ausgeschöpft werden sowie neue Kanäle zur Verbreitung von Inhalten sich durch die globale Vernetzung etabliert haben, verspricht das virale Marketing, manchmal auch Guerilla-Marketing genannt, einen neuen, kostengünstigen Ansatz zur Verbreitung von Ideen und Konzepten. Das Objekt, das dabei quasi-automatisch im World-Wide-Web und den Bewusstseins der Menschen grassiert, heißt Meme oder neuerdings Memome. Meme sind Inhalte, die Menschen ursächlich schaffen und denken – oder wie es M. Csikszentmihalyi ausdrückt „jedes feste Muster von Materie oder Information, das durch den Akt menschlicher Intentionalität erschaffen wird“. Um Ideen im Bewusstsein vieler Menschen zu verankern, ist es hilfreich sich bewusst zu machen, wie diese Meme zusammengesetzt sind.

Stellen wir uns Meme wie einen Virus vor, der sich in einer Wirtszelle einnistet, sich kontinuierlich vermehrt und an andere Wirte weitergegeben wird. Die Ansteckung wird durch die Zusammensetzung der Meme gefördert.

Meme bestehen aus drei Schichten, die jeweils eine bestimmte Funktion haben – der Inhalt, die eigentliche Idee im Kern, die Aura, die den Inhalt in die Gedankenwelt eines jeden Einzelnen einbindet und die Sphäre, die den Kontakt mit der Umwelt herstellt.

  • Inhalt
    Der Meme-Inhalt ist die eigentliche Bedeutung, die auf das Minimum reduziert ist. Hier wird die eigentliche Aussage, d.h. eine Idee, ein Thema, ein Konzept, ein Plan oder eine eingeführte Praxis kompakt dargestellt. Beschreiben wir ein Messer im Kern, so handelt es sich um ein Werkzeug zum Schneiden, einem scharfen Gegenstand, der alle möglichen Gewebe oder Stoffe zerteilen kann.
  • Aura
    Die Meme-Aura erweitert den Inhalt, um damit verknüpfte Vorstellungen, wie z.B. Bezüge zum Inhalt, unwiderstehliche Anziehungskräfte und andere Gemeinsamkeiten, leichter an mentale Modelle anzudocken. So bietet der medizinische Rahmen einen assoziativen, emotionalen und positiven Rahmen für die Betrachtung eines Messers, oder in diesem Kontext, dem Skalpell. Damit wird die Unique Selling Proposition (USP), die besondere Schärfe und die Funktion, Leben zu retten, für viele interessant.
  • Sphäre
    Die Meme-Sphäre ist der Bedeutungskontext, indem die Meme wirkt und Kontakt mit der Umwelt aufnimmt. Die Verbreitung wird durch diese Schale gefördert, da sich hier die Schnittstellen zur Umwelt und zu anderen Ideen finden. Die meisten kennen ein Skalpell durch eigene Erfahrung oder mittelbar durch Hörensagen. Die Angst vor Krankheit und die Hoffnung durch eine Operation geheilt zu werden schaffen Aufmerksamkeit. Das Beispiel des Skalpells lässt sich bis hin zu den alten Kulturen in die Vergangenheit verfolgen, die bereits mit einem scharfen Artefakt operierten.

Entsprechend dem Beispiel eines Messers stecken in allen Informationen, die wir heute verbreiten möchten, ein Inhalt sowie die Ebenen der Aura und der Sphäre. Die bewusste Ausgestaltung dieser Schichten erschafft Botschaften, die sich von alleine ihren Weg suchen, da sie bei einer erfolgreichen Ansteckung von den Memewirten durch Mundpropaganda, Veröffentlichungen und der wiederholten Umsetzung sich verbreiten.

Fazit: Durch Meme-it werden Ideen, Themen, Konzepte, Pläne und Praktiken auf einfache Weise virulent ausgestaltet. Damit werden die eigenen Botschaften mit einem „Klebstoff“ versehen, der sich einerseits in den Köpfen der Zielgruppen festsetzt und andererseits von diesen weitergegeben wird. Der vertriebliche Aufwand, um die Meme über den Tipppingpoint hinauszubringen, ist wesentlich geringer, als die klassische Marketingaktion. In diesem Sinne machen Sie Ihre Ideen haftbar! Meme it!

==> Memefizierung

==> Bedeutungsgestaltung

Dokumentiertes Unwissen

Ein großes Problem der Informationsgesellschaft ist die Tatsache, dass die Einzelnen

  • sich nicht bewusst sind, was sie alles wissen und
  • nicht greifen können, was sie nicht wissen.

Schon in der Antike hat Sokrates, der Wissende seiner Zeit, diesen Zustand mit dem Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ auf den Punkt gebracht. Unsere informationshungrige Gesellschaft wird durch das Dilemma angetrieben, viel zu erfahren und sich unentwegt informieren zu müssen. Dieser Drang nach Wissen führt zu permanenter Reizüberflutung, die nichts weiter schafft als dokumentiertes Unwissen.

DokumentiertesUnwissen

Unser Gehirn ist keine Festplatte, die alle 18 Monate ihren Speicherplatz und die Zugriffsgeschwindigkeit auf die gespeicherten Daten verdoppelt. Im Gegenteil. Eine chinesische Studie hat herausgefunden, dass unser Gehirn in den vergangenen 10.000 Jahren von 1500 cm3 auf 1350 cm3 geschrumpft ist. Und unsere Alltagserfahrung zeigt, dass wir anders funktionieren als ein digitaler Datenspeicher. Wir scheinen nie voll zu sein, darum

  • abonnieren wir mehr Zeitungen, Magazine, Online-Angebote, als wir verarbeiten können. Entweder stapeln sich die Papierberge im Zimmer oder im Müll;
  • kaufen wir Bücher, die immer dicker und immer seltener gelesen werden und über Jahre in den Regalen auf ihren ‚Verbrauch‘ warten;
  • verschicken und empfangen wir Unmengen von E-Mails, die unseren Briefkasten überlaufen lassen. Gleichzeitig wünschen wir uns auf immer mehr Verteiler, damit wir ja nichts verpassen;
  • konsumieren die Deutschen im Schnitt fast 4 Stunden Fernsehen am Tag – und erinnern sich am nächsten Tag bestenfalls an die Sendung, aber nicht an deren Inhalt;
  • verliert man sich beim Surfen im Internet.

Das dokumentierte Nicht-Wissen sind all die Informationen, die wir virtuell oder physisch vorhalten, um ja nichts zu verpassen. Wer nicht über einen zu großen Haufen an dokumentiertem Nicht-Wissen, in Form von ungelesenen Artikeln, Büchern, ungesehenen Filmen verfügt, der werfe den ersten Stein.

Das Defizit, das uns den Zugang zu bereits Bekanntem und zu Unbekanntem versperrt, führt nicht zu einem sparsamen Einsatz der Ressourcen. Wir machen nichts aus dem, was wir bereits wissen und drehen den Informationshahn immer weiter auf, um das, was wir meinen nicht zu wissen, aufzunehmen. Am Ende verspüren wir keinen Fortschritt.

Der Weg aus dieser Sackgasse beginnt mit der Veränderung der Überzeugungen, die uns antreiben.

  • Die eigene Leistungsfähigkeit akzeptieren
    Sobald wir verstehen, dass unsere Verarbeitungskapazität so gut oder so schlecht ist, wie bei allen anderen, können wir die vorhandenen Ressourcen besser nutzen.
  • Von allem wissen wir fast nichts
    Es gibt keine Personen, die weniger Nicht-Wissen haben, als man selbst. Dieses Nicht-Wissen zu akzeptieren, keine Angst zu haben Fragen zu stellen und Neugierde zur eigenen Tugend zu machen, baut den Druck ab.
  • Verhindern, dass Neues schnell verpufft
    Passive Aufnahme von Neuigkeiten führt zu schnellem Vergessen. Schneller, aktiver Einsatz der neuen Kenntnisse in Diskussionen beziehungsweise die schriftliche Zusammenfassung von neuen Erkenntnissen, führt dazu, dass man es sich besser merken kann.
  • Die Sinne für sich nutzen
    Am besten werden Informationen behalten, wenn sie uns einerseits über mehrere Sinneskanäle erreicht und andererseits unser bevorzugter Sinneskanal versorgt wird. Ist allen bewusst, über welchen Sinneskanal sie man am besten lernen – visuell, auditorisch, kinästhetisch?

Fazit: Das Fatale ist das fehlende Bewusstsein des bestehenden Wissens und die Unsichtbarkeit der Unkenntnis. Durch Anstrengungen kann dieses Manko nicht überwunden werden, sondern indem man sich von dokumentiertem Wissen löst und Bestehendes häufiger aktiv einsetzt, Dies funktioniert, wenn wir unsere Einstellungen wie oben beschrieben ändern, damit das Bedürfnis nach immer mehr dokumentiertem Unwissen sich auflöst.

Das Messer – zwischen Werkzeug und Waffe

Die ersten Faustkeile, die vor zweieinhalb Millionen Jahren von unseren Vorfahren geschaffen wurden, waren die Schweizer Messer der Steinzeit. Die extrem scharfen Kanten zum Schneiden oder Schaben und die stumpfe Seite zum Hämmern erweiterten die menschlichen Fähigkeiten im Alltag. Auch ohne entsprechende Belege kann man davon ausgehen, dass bereits damals das Messer auf der einen Seite als nützliches Werkzeug und auf der anderen Seite als tödliche Waffe genutzt wurde. Millionen von Menschen wurden im Laufe der Geschichte durch Messer getötet. Damit ist die Einstufung eines Messers hin und her gerissen zwischen Werkzeug und Waffe.

Messer

Fast alle Erfindungen verfügen über Schattenseiten. Es besteht einerseits praktischer Nutzen. Andererseits werden sie aber zu unerwünschten Vorhaben mit schrecklichen Folgen eingesetzt.

Dabei ist das Werkzeug ein Hilfsmittel, dass die menschlichen körperlichen und geistigen Fähigkeiten erweitert. Üblicherweise haben wir in unserem Haushalt ein größeres Set an Werkzeugen – von den Küchenutensilien, über den Werkzeugkasten mit Hammer und Schraubenzieher, bis hin zu unseren Computern und Fernsehgeräten. Wir setzen diese Instrumente ein, ohne uns bewusst zu machen, was wäre, wenn sie nicht da wären – beim Brotscheiden, bei einer Reparatur oder beim Lernen.

Waffen sind Objekte, mit denen Lebewesen und Dingen Schaden zugeführt werden soll, bis hin zum Tod bzw. der totalen Zerstörung. Der Einsatz ist eigentlich beschränkt auf bestimmte Spezialisten – Jäger, Polizisten, Soldaten. Damit haben die Wenigsten Zugriff auf Waffen, wären da nicht Werkzeuge, die eben auch zu diesen zerstörerischen Aufgaben genutzt werden können.

Aufgrund der nicht akzeptablen Nebenwirkungen, die manche Werkzeuge erzeugen, müssen sich Erfinder immer wieder fragen, ob sie sich mit der Entwicklung des Werkzeugs eine Schuld aufladen. Welche Fragestellungen könnten ihnen helfen?

  • Überwiegen die Vor- oder Nachteile?
  • Wird mehr Nutzen als Schaden angerichtet?
  • Zählen eher die Möglichkeiten, die sich auftun, oder die Gefahren, die entstehen?

Wahrscheinlich werden bei den meisten Werkzeugen die positiven Eigenschaften überwiegen. Das Messer hat bei Weitem mehr Vorteile im Haushalt als Nachteile als Tötungsinstrument. Der Nutzen des Schneidens ist größer als der Schaden des Umbringens. Die Möglichkeiten, die sich beim Schneiden von Stoffen oder chirurgischen Eingriffen ergeben, sind sicherlich bedeutender als der Schaden, der durch kriminelle oder staatliche Tötung entsteht.

Fazit: Ein Werkzeug ist immer auch eine latente Waffe. Nicht ohne Grund spricht man von Kriegs- oder TötungsWERKZEUGEN. Gibt es Werkzeuge, die die negativen Effekte einer Waffe, nicht beinhalten? Vermutlich nicht. An einem verbreiteten Artefakt wie einem Messer mit all seinen Ausprägungen wird dieses Dilemma deutlich.

Ein Bild sagt mehr als tausend (manchmal falsche) Worte

Über die Zeit haben wir die Überzeugung entwickelt „Sehen heißt glauben”. Dies bedeutet, dass man an die Existenz oder Wahrheit von etwas glaubt, das man mit eigenen Augen gesehen hat. Manche sind bereits überzeugt, wenn sie das Gesehene aus zweiter Hand erfahren. Bilder sind ein wirksamer Weg eine Botschaft zu vermitteln. Es gibt Felszeichnungen, die bereits vor dreißigtausend Jahren die bildliche Darstellung eingesetzt haben. Mit der Zeit wurden die Darstellungen immer realistischer. Heute können wir sogar durch bewegte Bilder mit Originalton und in Echtzeit, am Geschehen teilhaben. Die Bilder gelten als Beweis. Dabei vergessen viele, dass das zweidimensionale Medium des Bildes durch seinen Blickwinkel, seinen Rahmen und den Zeitpunkt der Aufnahme, die Wirklichkeit verzerrt. Die Folge ist, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte – manchmal sogar falsche.

Bildsagtmehralstausendworte

Im Zuge der Ukrainekrise wurden, bei einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Barack Obama, die oben skizzierten Aufnahmen gemacht. Anschließend erschienen in verschiedenen Zeitungen unterschiedliche Aufnahmen des Treffens. Noch vertrauen wir den Journalisten als der letzten Bastion der Sachlichkeit. Der Journalistenethos, stets objektive Wahrheiten zu verbreiten, sollte eigentlich zu verlässlichen Nachrichten führen. Vergessen wir die Sonderfälle der kontrollierten, nicht-militärischen Kriegsberichterstatter (sogenannte embedded Journalists) und der quasi-staatlichen Presse, da es sich dabei um offensichtliche Propaganda handelt. Der damit verbundene Versuch der Geschichtsklitterei begann schon bei Cäsar, reichte über Karl den Großen und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts bis heute.

Konzentrieren wir uns auf seriösen Journalismus, der nach bestem Wissen und Gewissen Nachrichten verbreitet. Um eine Grenze definieren zu können, gibt es einige unverbindliche Regeln.

  • Einerseits sollten Nachrichten von mindestens zwei unabhängigen Quellen bestätigt werden.
  • Andererseits sollte die Ausgewogenheit dadurch gewährt sein, dass über beide Seiten eines Konflikts berichtet wird.

Es gibt eine Vielzahl weiterer Punkte hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Pressekodex .

Ein Bild kann die beiden Regeln nicht erfüllen.

  • Einerseits ist ein Bild natürlicherweise aus einer Quelle, nämlich der Kamera.
  • Andererseits repräsentiert das Bild nur EINEN Ausschnitt der Wirklichkeit, der üblicherweise nur den Bruchteil einer Sekunde darstellt.

Damit ist ein Bild immer einseitig und unausgewogen.

Wenn wir jetzt die Scribbles anschauen, dann sehen wir vier Bilder des gleichen Treffens, die innerhalb weniger Minuten aufgenommen wurden. Jedes Bild erzeugt einen anderen Eindruck. Aus welchen Gründen wird ein Bild für eine Veröffentlichung ausgewählt? Betrachten wir den Ablauf, von der Aufnahme bis zur Publikation, treffen wir auf mehrere Filter.

  1. Aufnahme
    Photographen sind die ersten Filter. Sie entscheiden über den Blickwinkel, den Ausschnitt und den Moment der Aufnahme. In der Regel fotografieren sie innerhalb kurzer Zeit mehrere Photos. Anschließend wählen sie aus den gemachten Bildern die aus, die den technischen Anforderungen entsprechen – die geforderte Schärfe und Helligkeit. Zusätzlich wählen sie Bilder mit normaler Gestik und Mimik. Am Ende landen die oben skizzierten Bilder bei den Agenturen oder Medien.
  2. Vertrieb
    Eine Agentur ist ein Vermittler für Bilder und Nachrichten, z.B. Reuters, Deutsche Presse Agentur, ITAR-TASS. Sie kaufen die Photos und bieten sie zusammen mit der Agenturmeldung an. Die Agentur gilt als eine offizielle Quelle für die Medien. Bringen zwei Agenturen dieselbe Nachricht, ist die erste Regel erfüllt. Es macht die Meldung zu einer zuverlässigen Nachricht. Die Auswahlkriterien für die Bilder lassen sich dabei nur schwer nachvollziehen. In jedem Fall reduziert die Auswahl des Bildes die Nachricht auf einen bestimmten Blickwinkel.
  3. Publikation
    Die Redaktionen der Medien (Print, Online, TV) hatten früher ihre eigenen Reporter. Dadurch konnten sie sich von den anderen Medien abgrenzen. Heute gibt es nur noch selten fest angestellte Photoreporter. Meistens werden die Photos direkt beim selbstständigen Photographen oder bei einer Agentur gekauft. Der Vorteil einer Agentur ist die Bündelung des Bildes mit der Pressemitteilung. Aus Kostengründen werden nur die Bilder gekauft, die schließlich veröffentlicht werden sollen. Der Redakteur bestimmt durch die Auswahl der Bilder den „Beweis“ für seinen Artikel.

Am Ende entscheidet der Betrachter über seinen Eindruck. Betrachten Sie jetzt die obigen Skizzen und überlegen Sie, welches Bild Sie kaufen würden!

Zu dem besagten Treffen, vom 9.2.2015, wurden in verschiedenen Veröffentlichungen verschiedene Bilder genutzt. Welchen Eindruck erwecken die einzelnen Bilder? Links oben? Links unten? Rechts oben? Rechts unten? Und wie war die tatsächliche Atmosphäre des Treffens? Wer kann das schon wissen.
In jedem Fall entscheiden die Medien durch die Auswahl über den Eindruck, der bei den Betrachtern entsteht. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen.

Fazit: Die Zeiten von „Sehen heißt glauben“ sind wohl vorbei. Von jedem Ereignis gibt es eine beliebige Menge an Bildern, die nichts über das tatsächliche Geschehen aussagen . Selbst verwackelte Aufnahmen von Mobiltelefonen werden heute genutzt, um der Öffentlichkeit eine Botschaft zu vermitteln, die durch die beiden Regeln nicht sichergestellt werden. Es bleibt uns nichts übrig als kritisch mit diesen „Beweisen“ umzugehen und stets die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass die Nachricht falsch ist – egal ob wir vorsätzlich manipuliert werden oder nicht.

P.S.: Erinnern Sie sich an das gestellte Politikerphoto der Charlie-Hebdo-Demonstration?

Die Verwundbarkeit von Bedeutung

Wir interpretieren in jedem Moment ein Geschehen, das sich aus dem Kontext, einer Aussage oder einer Beziehung ergibt. Unterschiedliche Perspektiven erzeugen automatisch verschiedene Interpretationen (mehr dazu http://www.memecon.de/wahrnehmungspositionen.html ). Selten wird das so deutlich, wie am 15.03.2015. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis war eingeladen via Satellit an einer deutschen, sonntagabendlichen Talkshow teilzunehmen. Dort wurde er mit einem Video konfrontiert, in dem er scheinbar den Mittelfinger in Richtung Deutschland gehoben haben soll. Anhand von einigen Aspekten wird die Verwundbarkeit von Bedeutung sichtbar.

Varoufakis

Vulgäre Gesten erzeugen viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – unangenehm für den, der an dem Finger dranhängt; angenehm für den kritischen Rest. In Deutschland kennt man solche Fälle aus Sport und Politik.

Zwei Videos bilden die Grundlage für diesen Blogbeitrag.

  • Video1 (in Deutsch hier: http://ow.ly/Ld81d ) zeigt die Talkshow mit den Diskussionsteilnehmern in Berlin und dem aus Griechenland zugeschalteten Yanis Varoufakis. Ein Einspieler, der das bisherige Leben von Yanis Varoufakis anhand von zusammengeschnittenen Szenen beschreibt, findet sich in der Sendung von Minute 23:39 bis 26:13 (siehe unten 1). Die Antwort von Yanis Varoufakis, in der er die Echtheit des Videos bestreitet, läuft von Minute 26:16 bis 26:52 (siehe unten 2).
  • Video2 (in Englisch hier: http://ow.ly/Ld85F) zeigt die originale Aufnahme seiner Keynote zu seinem Buch „Der globale Minotaurus“, in Zagreb, am 14.5.2013. Der entsprechende Ausschnitt aus der Fragerunde im Anschluss an seine Präsentation mit der besagten Geste, findet sich von Minute 40:20 bis 40:36 (siehe unten 3).

Die Macher der Talkshow erwecken mit ihrer Präsentation den Eindruck, dass Yanis Varoufakis in seiner Funktion als griechischer Minister, Deutschland den Mittelfinger gezeigt hat, was ein respektloser Affront wäre. Die folgenden Punkte unterstreichen den Versuch der Fernsehmacher, diese Geste mit negativer Bedeutung aufzuladen.

  1. Günther Jauch, der Gastgeber, wertet den Einspieler zu Beginn mit den Worten „…sind die Deutschen zuweilen irritiert, in welcher Art gerade sie …“.
  2. Der Einspieler erzeugt einen mehrdeutigen Eindruck durch historische Ausschnitte, die aus dem Zusammenhang gerissen und unvollständig sind sowie in der falschen zeitlichen Reihenfolge montiert wurden. Der polarisierende Sprecher im Off, der einen scheinbar logischen, aber falschen Zusammenhang erzeugt, verstärkt diesen Eindruck (siehe Sprecher im Einspielertext unten 1).
  3. Günther Jauch unterstreicht seine Wertung mit den Worten „Der Mittelfinger für Deutschland …. Die Deutschen zahlen am meisten … Wie passt das zusammen?
  4. Günther Jauch fällt Yanis Varoufakis oft ins Wort.
  5. Die non-verbalen Signale der Diskussionsteilnehmer sind ein weiterer Versuch, ihre Wertung zu unterstreichen; z.B. die Überraschung von Günther Jauch, als Varoufakis den Mittelfinger bestreitet.
  6. Die Gespräche werden von zwei Dolmetschern simultan übersetzt. Zu hören ist nur die deutsche Übersetzung und Antwortfetzen von Varoufakis. Wir wissen nicht, mit welchen Worten die deutschen Beiträge übersetzt wurden. Es wäre interessant die tatsächlichen Aussagen zu hören.

Yanis Varoufakis reagiert mit einer generellen Aussage „Diesen Finger habe ich nie gezeigt.“, die offensichtlich falsch ist. Oder wollte er damit sagen, er hat Deutschland den Mittelfinger nicht gezeigt?

  1. Er wurde erst im Jahr 2015 zum griechischen Finanzminister ernannt.
  2. Es handelt sich bei dem Zitat „Mein Vorschlag war“ um eine Empfehlung für das Jahr 2010.

Die Zuschauer können sich nach der Betrachtung der beiden Videos ihr eigenes Urteil bilden.

Fazit: Was hat nun die Fernsehmacher getrieben, die Zitate so zu schneiden, als hätte Yanis Varoufakis sich respektlos gegenüber Deutschland geäußert? Darüber können wir nur spekulieren. Sichtbar wird der Versuch dem Video aus Zagreb, im Stil des Schwarzen Kanals http://de.wikipedia.org/wiki/Der_schwarze_Kanal, eine bestimmte Bedeutung zu verleihen. Es wäre wünschenswert, wenn die Öffentlichkeit nicht in populistischer Manier den Mittelfinger diskutierte, sondern die billige Verschiebung von Bedeutung in den „neutralen“ öffentlich-rechtlichen Medien. Auf alle Fälle wird die Verwundbarkeit von Bedeutung deutlich.

Anhang

1) Einspielertext
Günther Jauch: „Die Deutschen haben das Gefühl, dass sie sehr lange schon solidarisch mit Griechenland gewesen sind. Kein Land hat ja mehr Milliarden an Griechenland gegeben als Deutschland. Aber um so mehr sind die Deutschen zuweilen irritiert, in welcher Art gerade sie auch gegenüber unserem Land aufgetreten sind.“

Ausschnitt aus dem Beitrag zu Yanis Varoufakis:
Sprecher: „Dann die Euro-Krise. Varoufakis schreibt Artikel, er gibt Interviews und dreht Videos, in denen er die Krise erklärt.
Varoufakis: „Die Reichen machten Gewinne, aber die Armen hatten zu kämpfen wie noch nie.
Sprecher: „Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben.
Varoufakis: „Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann.
Sprecher: „und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland.
Varoufakis: „Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.

Günther Jauch: „Der Mittelfinger für Deutschland, Herr Minister? Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?

2) Antwort Yanis Varoufakis
Dieses Video ist falsch. Das ist so montiert worden. Ich habe nie so etwas gemacht. Ich schäme mich dafür, dass man mir ein solches Video zutraut. Ich bin sicher, das haben Sie nicht gewusst. Aber das ist getürkt. Diesen Finger habe ich nie gezeigt. Das ist ein unechtes Video. Genauso wie es noch eins gibt, das man in Griechenland zeigt, wo ich angeblich meine Hand einem ausländischen Politiker hinstrecke und sie im letzten Moment zurückziehe.

3) Originaltext Zagreb
„Mein Vorschlag [Anfang 2010 hinzugefügt durch M.L.] war, dass Griechenland einfach ankündigen sollte, dass es, wie Argentinien es getan hat, seine Verpflichtungen nicht einhält, innerhalb des Euros, im Januar 2010, und Deutschland den Mittelfinger zeigen und sagen: Nun könnt ihr das Problem selber lösen.[Die fett gedruckten Stellen wurden in der Talkshow gesendet.]

Freiwillig – Entscheiden ohne Zwang

Freiwilligkeit ist eine wichtige Qualität unseres Lebens. Beispielsweise die Tatsache, dass Sie diesen Artikel angeklickt haben, ist das Ergebnis einer Entscheidung, die Sie freiwillig getroffen haben. Gegebenenfalls haben bestimmte Schlüsselreize, wie z.B. das Wort freiwillig, Sie seit Stunden, Tagen oder Wochen begleitet und für das Klicken auf diesen Link anfällig gemacht.

Der freie Wille wird immer öfter herangezogen, um die Situation von anderen Menschen und Kulturen zu hinterfragen. Dabei kann es sich um Kleidungsstile, Fragen der Beschäftigung, politische Wahlen oder kulturelle Rituale handeln. Wie frei ist man am Freitag sich ‚casual’ anzuziehen? Kann es sein, dass Sexarbeiter freiwillig ihrem Gewerbe nachgehen? Wie frei sind Wahlen, die eine über 90%ige Beteiligung erzielen? Gehen Japaner freiwillig zu Ihren Nomikais (d.h. Trinkmeetings)? Inwieweit es sich dabei um Entscheidungen aus freien Stücken handelt, wird immer öfter von Außenstehenden beurteilt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was freiwillig eigentlich bedeutet. Freiwillig – Entscheiden ohne Zwang?

Freiwillig

Sobald jemand etwas tut, ohne es zu wollen, sprechen wir von unfreiwillig. Dies gilt beispielsweise für 20% der teilzeitbeschäftigten Frauen in Deutschland, die gerne länger arbeiten würden, aber gezwungenermaßen Teilzeitarbeit akzeptieren müssen. In allen anderen Fällen sprechen wir eigentlich von freiwillig, da die Entscheidungen mit mehr oder weniger Freiheit getroffen werden. Die folgenden freiwilligen Varianten reichen von erzwungen bis zu unbewusst zufällig.

  • Drohungen – Ich will, weil ich muss.
    Aktivitäten, die aus Furcht vor negativen Auswirkungen akzeptiert werden. Dazu gehören die Androhung von Gewalt und die Angst vor Verlust von etwas, z.B. einer Anstellung, von Besitz, von einem Partner.
  • Vorgetäuschte, falsche Tatsachen – Ich will, weil ich glaube.
    Aktivitäten, die auf Basis von falschen Annahmen getan werden. Dazu gehören falsche Versprechungen von Politikern, Lobbyisten oder anderen Meinungsführern.
  • Notwendigkeiten – Ich will, weil es nötig ist.
    Aktivitäten, die aus nachvollziehbaren Gründen ausgeführt werden. Dazu gehören die Einsicht zur Arbeit zu gehen, an einer roten Ampel zu stoppen oder Gesetze zu befolgen..
  • Bewusste, eigene Motive – Ich will, weil ich etwas möchte.
    Am nächsten kommen dem natürlichen Begriff des freien Willens Aktivitäten, die aufgrund eigener Beweggründe entschieden werden. Dazu gehören die Anhäufung von Besitz, die Kündigung eines ungeliebten Jobs oder die Heirat des geliebten Partners.
  • Unbewusste, eigene Motive – Ich will einfach.
    Spontane Aktivitäten, die aufgrund unterschwelliger, persönlicher Motivation erfolgen. Dazu gehören Bauchentscheidungen für einen Spontankauf, die Auswahl des heutigen Mittagessens oder das Buch für die Bettlektüre.
  • Unbewusst und zufällig – (Einfach tun, haben, denken)
    Unvorhersehbare Aktivitäten, die ohne erkennbaren Grund stattfinden. Dazu gehören das planlose Flanieren, ein spontanes Gespräch mit einer unbekannten Person oder ein Tagtraum.

Die Frage, die bleibt, ist, ob diese Freiheiten nicht auch eine Illusion sind.

  • Haben wir wirklich die Chance uns anders zu entscheiden, wenn wir bedroht sind?
  • Welchen Freiraum bietet die falsche Grundlage für eine Entscheidung?
  • Bieten anerzogene Reaktionsmuster auf bestimmte Erfordernisse echte Wahlmöglichkeiten?
  • Wie frei sind wir, wenn wir unsere Entscheidungen aufgrund der Konditionierung durch die Werbung und die Gesellschaft treffen?
  • Entscheiden wirklich wir oder ist es der Bauch?
  • Ist es freiwillig, wenn wir uns einfach vom Schicksal treiben lassen?

Daran sieht man, dass selbst ungezwungene Entscheidungen nicht ganz frei von Beeinflussung sind. Inwieweit diese Beeinflussung überhaupt noch Freiheit zulässt, ist umstritten. http://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille

Fazit: Der freie Wille ist dehnbar. Aus diesem Grund sollte stets bei Bewertungen der Freiwilligkeit von Dritten geprüft werden, ob es sich um tatsächlichen Zwang handelt oder um eine der freiwilligen Varianten. Hüten Sie sich vor negativer Stimmungsmache, die Freiwilligkeit als Mittel nutzt, um mögliche Gegner schlecht zu machen.

Der flüchtige Stoff

Information ist der flüchtige Stoff. Man kann sie nicht greifen. Sie ist überall. Und trotz ihrer Nutzung verschwindet sie nicht – im Gegenteil. Desto mehr Menschen sie verwenden, desto „wertvoller“ wird sie. Obwohl sie überall zu finden ist, stellt sich immer wieder die Frage, wie man mit ihr umgeht. Der Besitz, die Anwendung und der Schutz von Information ist aufgrund seiner Stofflichkeit, oder besser Nicht-Stofflichkeit, schwer zu bestimmen. Zu diesem Zweck muss zuerst ein Weg gefunden werden, die Greifbarkeit zu bestimmen..

Information

Seit Menschengedenken wurde Information überwiegend durch mündliche Überlieferung weitergereicht. Mit der Zeit konnte das Wissen in Steinen, Ton oder auf Papyrus festgehalten werden. Erst mit dem Buchdruck wurden Informationen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Solange Daten an ein physisches Medium gebunden sind, kann die Greifbarkeit durch den materiellen Träger der Information gewährleistet werden. Will sich jemand informieren, muss er oder sie Papier, Zelluloid, Vinyl oder Ähnliches kaufen oder ausleihen. Mit Geräten zur Reproduktion, wie Kopierern, Kameras, Kassetten- und Videorekordern, hat die massenhafte Vervielfältigung begonnen. Durch das Internet ist Information (d.h. Texte, Bilder, Filme, Musik, Töne) jetzt wieder von einem physischen Trägermaterial losgelöst. Überall, wo es Elektrizität und Endgeräte mit Netzzugriff gibt, ist die Information verfügbar. Die Nutzung ist latent für alle möglich.

Betrachtet man die vielen Tauschbörsen, Downloadzentren und E-Mail-Attachments, so wird klar, dass der freie Fluss von Information nicht verhindert werden kann. Selbst aus stark gesicherten, hochgeheimen Quellen findet die Information einen Weg an die Öffentlichkeit.

Ein erster Schritt zur Regelung des Informationsflusses ist es, sich die Nutzungsarten von Information bewusst zu machen.

  • Die private Nutzung
    ist sicherlich die häufigste. Die Zeitungen, Videos, Musik-CDs, die einmal gekauft werden und die Runde in der Familie und bei Freunden machen, kennen wir seit Jahren. Dabei erfolgt zumindest beim Kauf des physischen Objekts eine Vergütung.
  • Die gewerbliche Nutzung
    ist die am besten geregelte. Sobald Texte, Bilder, Filme, Musik zu gewerblichen Zwecken genutzt werden, sind Lizenzgebühren fällig. Damit honoriert beispielsweise der Veranstalter eines Konzerts, der sich wiederum für die Veranstaltung bezahlen lässt, die Arbeit der Urheber.
  • Die mittelbar gewerbliche Nutzung
    ist schwer zu kontrollieren. Hierbei werden Kundendaten, die in einem völlig anderen Zusammenhang gesammelt wurden, für zusätzliche Verwertungen gespeichert, ausgewertet und sogar verkauft.
  • Die staatliche Nutzung
    ist weitestgehend ungeregelt. Obwohl mehr oder weniger starke Datenschutzrichtlinien proklamiert werden, zeigen die Datenlecks, zum Beispiel bei amerikanischen Behörden, was der Staat mittlerweile mit Informationen anstellt.
  • Die kriminelle Nutzung
    ist ein noch völlig unerforschter Bereich. Über virtuelle „Geldwaschanlagen“, Kreditkartenbetrüger, die internetbasierte Sexindustrie sowie alle anderen kriminellen Bereiche, die im Internet stattfinden, wissen wir wenig.

Wenn eine schlüssige Gliederung der Informationsnutzung gefunden ist, kann eine grundsätzliche Informationsethik entwickelt werden, die die Basis für weitere Schritte bietet. Kernelement sollte dabei die informationelle Selbstbestimmung der Urheber sein. Die rein gesetzliche Regelung scheint nicht zu funktionieren, da skrupellose Nutzer immer eine Gesetzeslücke finden, um das Gesetz zu umgehen.

Fazit: Die Nutzung von Information muss besser geregelt werden. Urheber sollten über ihre Information selbst bestimmen. Es braucht eine unabhängige Instanz, die frei von den Interessen der Akteure ist. 150 Jahre nach der Verkabelung der Welt verlieren wir die Kontrolle über das wichtigste Gut der Zukunft – die Information.

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