Der Knoten – die ideale Metapher für ein Problem

Der Kriegswagen des Königs Gordios stand 333 v. Chr. in Gordion. Ein Orakel hatte geweissagt, dass wer den Knoten löst, der die Deichsel mit dem Wagen verband, die Welt beherrschen würde. Alexander der Große trat vor den Streitwagen und zerschnitt die Bastseile mit einem Schwertstreich. Seit zweieinhalbtausend Jahren ist der Knoten die ideale Metapher für ein Problem.

GordischerKnoten

Anhand eines Knoten lassen sich verschiedene Aspekte eines Problems verdeutlichen.

  • Problembeschreibung
    Der Knoten ist ja genau genommen ein starres Objekt. Erst wenn man ihn entknotet und dabei an seinen Seilen zieht, bemerkt man, dass er sich verändert. An überraschenden Stellen zieht er sich fester. An anderen Stellen verschwinden die Seile nach innen. Anfang und Ende, der Verlauf oder der Aufbau ist von außen nicht erkennbar. Eine gute Beschreibung des Knoten würde das Aufknüpfen erleichtern. Entsprechend ist der Startpunkt das gemeinsame Verständnis eines Problems (wann, wo, wer, was, wodurch, warum, wozu), egal wie vollständig er beschrieben ist.
  • Problemdimensionen
    Das Seil als solches ist ein einfaches Objekt mit einem klaren Anfang und Ende. Mit zunehmender Verschlingung wird der Strick zu einem einfachen, dann zu einem komplizierten und schließlich zu einem komplexen Knoten, obwohl es sich immer noch um den ursprünglichen Strang handelt. Jede weitere Verknotung erhöht die Verstrickung und erschwert das Entwirren. Genauso sind auch unsere Probleme meistens nicht einfache Komplikationen, sondern Folgen von verschachtelten, wechselseitigen Umständen, die sich nicht wie ein Uhrwerk zerlegen und untersuchen lassen.
  • Problembezug
    Knoten finden sich überall – bei der Bekleidung, beim Fischen, beim Klettern und natürlich in der Seefahrt. Wir denken nicht häufig über Knoten nach. Erst wenn sich der Knoten nicht mehr öffnen lässt und man nicht mehr aus dem Schuh herauskommt, ist man plötzlich betroffen. Und nur wenn wir persönlich Schwierigkeiten haben, kümmern wir uns um eine Lösung. Angelegenheiten, die uns nicht betreffen, brauchen wir eigentlich auch nicht zu lösen. Fehlt uns der Bezug, können wir noch nicht einmal entscheiden, ob es sich überhaupt um eine Verwicklung handelt. Genau wie bei einem Knoten.
  • Problemablauf
    Spannend wird es, wenn man sich fragt, wie der Knoten sich entwickelt hat. Der Gordische Knoten hatte seine Funktion ideal ausgefüllt – die Deichsel mit dem Wagen zu verbinden. Erst das Orakel machte den Knoten zu einer Herausforderung. Aus diesem Grund ist der wirkliche Auslöser, der den Sachverhalt zu einem Problem macht, von Bedeutung. Manchmal kann man die einzelnen Schritte erkennen, die zu dem oft unerwünschten Ergebnis führen. Diese Ursache-Wirkungsbeziehungen sind entscheidend für die Lösung. Genau wie bei einem Knoten verdichten sich die wirklich schwierigen Probleme immer mehr, desto stärker man an ihnen herumdoktert.
  • Problemlösung
    Die Lösung eines Knotens ergibt sich aus einer nüchternen Herangehensweise auf Basis der vorherigen Betrachtung der Situation. Manchmal genügt es die Windungen des Knotens neu anzuordnen und erreicht damit ihn aufzulösen. Ein anderes Mal muss man sich auf bestimmte Bereiche konzentrieren, ohne den Knoten fester zu ziehen. Im Extremfall reicht es nicht zu versuchen, den Knoten zu entwirren, da dies alles nur verschlimmert. Das war vermutlich der Geistesblitz von Alexander, der den Knoten einfach durchschlug. Entsprechend haben wir heute Veränderungen erster und zweiter Ordnung. Im ersten Fall erreicht man die Lösung des Problems durch schrittweise Verbesserung. Im zweiten Fall sind die Schlingen derart wirr, dass sich nur durch radikale Umgestaltung, wie das Zerschlagen des Bestehenden, eine Lösung gefunden wird.

Fazit: Der Knoten ist die ideale Metapher für ein Problem, da er auch nicht alle seine Windungen offen legt, sich beim Lösen immer weiter verfestigt, nicht jeder Knoten sich lösen lässt, die vielen Ursache-Wirkungs-Beziehungen schwer durchschaubar sind und unterschiedliche Klassen von Problemen, unterschiedlich radikale Methoden erfordern.

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