Der Blick verrät den Betrachter

In unserer alltäglichen Kommunikation finden sich drei Positionen, aus denen heraus man Aussagen macht. Jede dieser Positionen ist wichtig. Die Aussagen aus den verschiedenen Blickwinkeln sind stets belastet mit zusätzlichen Informationen, die das klare Verständnis überlagern. Selbst der außenstehende Beobachter, der eigentlich nichts mit dem Sachverhalt zu tun hat, bringt seine eigenen Prägungen mit in die Aussage. Damit sagt der Blick viel über den Betrachter.

Die drei Standpunkte sind:

  • Selbst – Der eigene Blickwinkel
    ist der authentischste Ausdruck – sollte man meinen. Äußert jemand seine ganz persönliche Meinung, braucht man einen guten Blick auf seinen Standpunkt. Man vergisst leicht die Hürde, die es zu überwinden gilt, wenn man sein Innerstes in Worte fassen möchte. Die eigenen mentalen Modelle, die Interpretationen und Assoziationen lassen sich nur unvollständig vermitteln. Dabei werden Inhalte vage ausgedrückt, Sachverhalte verallgemeinert und mit Vorannahmen und Mehrdeutigkeiten beladen. Die Ergebnisse sind die Worte und Bilder, die sich ergeben. Zusätzlich lauern im Hintergrund noch die vier Aspekte einer Botschaft: die Sachebene, die Fakten vermittelt; der Appell, der die Anderen zu etwas veranlassen möchte; die Beziehungsaussage, die den Bezug zwischen Sender und Empfänger darstellt; und die Selbstkundgabe, die unbemerkt den eigenen Zustand mitschwingen lässt. Damit liefert der eigene Blickwinkel nicht die klaren Aussagen, die man erwarten würde. Es steckt darin viel Ungesagtes und was gesagt wird, ist latent mehrdeutig. Es bleibt einem nichts übrig, als in diesem Fall nachzufragen.
  • Andere – Der Blick aus der Sicht des Gegenübers
    wird bestimmt durch die Beziehung, die einen verbindet. Aussagen, die aus dieser Nähe entstehen, haben meistens einen längeren, wechselseitigen Austausch hinter sich. Missverständnisse, Ambiguitäten und falsche Interpretationen sollten durch den Diskurs immer weiter abgebaut worden sein. Dabei vergisst man, dass die Äußerungen des Anderen, die man zitiert, von einem selbst genauso gefiltert werden, wie bei dem vorigen Punkt. Zusätzlich kommt hinzu, dass der Andere auch nur eingeschränkt seine Gedanken aus der Tiefenstruktur in die Oberflächenstruktur übertragen kann. Damit hat man bereits eine doppelte Verzerrung der Bedeutung. Es bleibt einem auch hier nichts anderes übrig, als durch reges Nachfragen weitere Aspekte zu ermitteln.
  • Meta – Der Blick von außen
    könnte ein unbelasteter Blick eines neutralen Beobachters sein. Die sachliche Perspektive, scheinbar frei von Vorurteilen, verspricht einen unparteiischen Standpunkt. Dabei vergisst man den vorgeprägten Assoziationsraum des Betrachters. Auch der Unbeteiligte muss sich anstrengen seine Wahrnehmungen in Worte zu kleiden, die seine Tiefenstruktur möglichst neutral widerspiegeln. Verstärkend bringt dieser Standpunkt eine völlig unbekannte Sichtweise ins Spiel, die man selbst und die Anderen nicht kennen. Neben den Verzerrungen bleibt zu ergründen welche Fakten, welche Appelle, Beziehungsaussagen und welche Selbstkundgabe hinter den Beobachtungen der Metaebene stecken. Auch in diesem Fall muss man sich darum bemühen, zusätzliche Informationen auszutauschen, um zu einem besseren Verständnis zu gelangen.

Fazit: Egal, aus welcher Perspektive man Aussagen macht, stets wirken die Filter, die eine unverzerrte Vermittlung aus der Tiefenstruktur in die Oberflächenstruktur verhindern. Aussagen werden dabei immer getilgt, generalisiert und verzerrt. Der Teil, der vermittelt wird, beinhaltet dann noch vier Aspekte, die das Verständnis zusätzlich erschweren. Die vier Seiten, die Sachebene, der Appell, die Beziehungsaussage und die Selbstkundgabe, wirken immer gleichzeitig. Der einzige Ausweg ist der wechselseitige Austausch von zusätzlichen Informationen, um sich so der eigentlichen Bedeutung zu nähern. Am Ende bleibt dann nur noch das Zitat von Ludwig Wittgenstein: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.