Die Dimensionen der digitalen Transformation

Die Suche nach der digitalen Transformation betrifft viele Bereiche des Wirtschaftens. Im Zusammenhang der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen sowie der Schaffung von Umsätzen und Einkommen lösen sich althergebrachte Vorstellungen der Geschäftswelt auf – die Größe bestimmt nicht mehr die Reichweite; Wissen steht nicht nur den Kapitalstarken zur Verfügung; Zusammenarbeit benötigt kein gemeinsames Dach eines Unternehmens. Die Gesellschaft und die Politik bieten den Bürgern nicht mehr das Gefühl der Zugehörigkeit und soziale Sicherheit – Meinungen werden mit neuen Mitteln gesteuert, das neue Normale ist das lautstarke Anderssein; ethische Grundsätze werden durch die eigene Filterblase bestärkt. Der Blick auf die Dimensionen der digitalen Transformation zeigt, dass wir bereits mitten in der Veränderung stecken.

Die folgenden Dimensionen erfordern das Umdenken in den Unternehmen genauso wie in der Politik – Jetzt. Digitale Transformation wird möglich, sobald überholte Bedingungen aufgegeben werden – z.B. Bevorzugung von langfristigen Rahmenverträgen, hohe Eintrittsbarrieren für Einzelunternehmer durch Einkaufsbereiche, fehlender Zugang zu Geldmitteln sowie bürokratische Überlastung durch Anforderungen von Institutionen.

  • Skalierung für alle
    Die Nutzung von Skaleneffekten waren bisher großen Unternehmen vorbehalten. Um den Preis für die Produktionsmittel gering zu halten, mussten große Mengen abgenommen werden. Digitale Bestandteile kosten fast nichts. Damit werden auch kleine Unternehmen wettbewerbsfähig. Jetzt müssen noch diese neuen Unternehmer von der bürokratischen Last der alten Wirtschaft befreit werden. Einkaufsabteilungen und Personalabteilungen brauchen neue Konditionen für diese Mikro-Geschäftspartner.
  • Grenzenlose Zusammenarbeit
    Die Leistungen sind heute komplex, da sie aus vielen Bausteinen zusammengesetzt sind. Die Unterschiede der lokalen oder nationalen Gegebenheiten, die zu berücksichtigen sind, werden durch Module und Schnittstellen möglich, die zusammenpassen, weil sie standardisiert sind. Die verbindliche Zusammenarbeit und die Verteilung der Erträge braucht neue Geschäftsmodelle.
  • Zunehmende Beschleunigung
    Die virtuelle Nähe aller Beteiligten, die nur einen Klick weit entfernt sind, führt zu einer schwindelerregenden Geschwindigkeit. Eingeführte Vorgehensweisen und formelle Entscheidungswege können hier nicht mehr mithalten. Dies gibt unbürokratischen, agilen Unternehmen einen Vorsprung. Es geht nur, wenn die gesetzlichen und innerbetrieblichen Bedingungen entsprechend entbürokratisiert werden.
  • „Weiches“ Kapital
    Da in digitalen Märkten nicht mehr die materiellen Werte zählen, drängt sich das „weiche“ Kapital in den Vordergrund – Daten, Wissen, Software, Beziehungen. Die kritischen Leistungsträger sind die Computer, Netze und vor allem die Mitarbeiter, die sich überall auf der Welt befinden können. Dies erfordert die Ablösung eines „betonierten“ Unternehmensbegriffs durch Netzwerke, die in der Lage sind sich schnell zusammenzufinden und wieder aufzulösen.
  • Heimatlose Werte
    Die Werte eines Unternehmens befinden sich im Cyber-Wunderland. Dort gibt es keine nationalen Grenzen oder Zugehörigkeiten. Da nationale Gesetze und Regelungen ihre Wirksamkeit verlieren, brauchen wir mittelfristig supranationale Legislativen und Finanzbehörden, die diese Aufgaben übernehmen. Zwischenzeitlich bewegen sich die Werte in Grauzonen hin und her. Vermögenswerte sind nicht mehr bestimmt durch den sachlichen finanziellen Wert, sondern durch das Vermögen Neues schaffen zu können.
  • Netzwerk für Jedermann
    Die minimalen Aufwände, um ein Netzwerk einzurichten, erlauben es allen eine eigene Informationsblase zu eröffnen. Mit der Zeit ergeben sich aufgrund der entsprechenden Teilnehmer und deren Verlinkungen potente Kreativwolken. Diese Weisheit der Vielen, die umsonst bereitsteht, bedeutet das Aus für viele, teure Forschungsstätten.
  • Mehrseitige Geschäftsmodelle
    Durch den vielfältigen Markt wird es immer schwerer, die richtigen Partner zu finden. Aus diesem Grund werden sich Geschäftsmodelle entwickeln, die sich auf die Vermittlung zwischen Produzenten, deren Zulieferern und Kunden spezialisieren. Bewährte, enge Kooperationen lösen sich zugunsten von spontanen, zeitlich beschränkten Projekten, die sich bedarfsorientiert bilden, auf. Die Vermittlerrolle können all diejenigen ausüben, die die wesentlichen Partner zusammenbringen und davon leben können.
  • Standortverlust
    Der klassische Standort und die Firmenzentrale werden verschwinden. Der Firmensitz wird sich dort finden, wo der Gründer gerade lebt, ohne dass dieser behördlich erfasst wird, da die Geschäfte im Cyberspace stattfinden (s.o.). Entsprechend wird es auch nicht mehr die Belegschaft geben mit ihren Interessensvertretern und geregelten Arbeitsverhältnissen. Gesetzgebung, Staatsgewalt und Gerichtsbarkeit müssen sich an die internationalen Herausforderungen anpassen, um Standortnomaden zu verhindern, die sich unentwegt auf der Flucht vor Verantwortung und anderen Pflichten befinden.

Wann die digitale Transformation bewältigt sein wird, hängt davon ab, wie schnell und geschickt große Unternehmen auf diese neuen Entwicklungen reagieren können. Gleichzeitig sind die staatlichen Stellen gefordert, da sie entsprechende Rahmenbedingungen schaffen müssen, die diese neuen Entwicklungen unterstützen. Dabei stellt sich nicht die Frage ob, sondern wann die Beteiligten handeln. In der Zwischenzeit werden die Vorreiter dieser Entwicklungen im Internet ihren Weg finden und ihre Geschäftsmodelle umsetzen.

Fazit: Die digitale Transformation findet bereits seit Jahren statt. So wie der Frosch beim Boiling Frog Syndrome, erhitzt sich die Welt durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung. Die Dimensionen sind dabei die Skalierung für alle, die grenzenlose Zusammenarbeit, die zunehmende Beschleunigung, das „weiche“ Kapital, die heimatlosen Werte, das Netzwerk für Jedermann, die mehrseitigen Geschäftsmodelle und der Verlust des Standorts. Für die Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft erfordert das ein sofortiges Umdenken, um die Freiräume in den Griff zu bekommen, die bisher ungeregelt von Unternehmen ausgenutzt werden. Das gilt für Steuerparadiese genauso, wie für die Anbieter illegaler Geschäfte im Darknet. Die Dimensionen der digitalen Transformation sind dabei die Grundlage.

(Mehr hier: OECD Digital Economy Outlook 2017)