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Der Wald – die ideale Metapher für Systemkomplexität

Das kleine Wäldchen im Stadtpark lässt sich leicht umrunden. Die Waldfläche, die sich von Skandinavien bis in den hintersten Winkel von Sibirien erstreckt, ist eine große Herausforderung. Und trotzdem bilden beide jeweils ein Ganzes, das aus den gleichen, verschiedenartigen Bestandteilen besteht – Bäume, Büsche, Pflanzen, Pilze, Wild, Vögel, Kriechtiere, Schnecken, Insekten, Spinnen, Würmer, usw. Zusammen ergeben sie den Wald, den wir nicht verstehen, wenn man nur einen Ausschnitt separat betrachtet – die Eiche, den Haselbusch, den Hasen oder die Kreuzotter. Den gleichen Effekt erzeugen alle anderen Systeme – z.B. Organisationen, Kulturen, das World Wide Web, Projekte, Wissenschaften und Ökonomien. Für viele ist der Blick auf einen Baum, einen Ast, ein Blatt oder einen Trieb aussagekräftiger, als der Blick auf den Wald. In der Folge sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Folgende Aspekte gelten für den Wald und alle Arten von Systemen.

  • Der Waldrand – Ein System hat Grenzen
    Die Grenzen von großen Waldgebieten, wie dem Schwarzwald, dem Amazonas-Regenwald oder der Taiga, sind schwieriger zu erfassen, als die von kleinen Wäldern, z.B. dem Bois du Bologne, dem Tiergarten oder dem Yoyogi-Park. Die Grenzen sind fließend. Mittels entsprechender Karten wird bestimmt, wo das Waldgebiet genau endet. Die gleiche Festlegung brauchen alle Systeme. Ein Wirtschaftsraum, wie beispielsweise die EU, braucht abgesteckte Demarkationslinien, da er nicht an Kontinenten ausgerichtet ist. Mitten in Europa findet sich die Schweiz. Melilla, eine Exklave der EU, liegt in Nordafrika. Die Festlegung der Grenzen eines Waldes oder eines Systems ist die Voraussetzung für die klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten.
  • Bäume, Büsche, Pflanzen, Getier – Ein System besteht aus Systemen
    Die Bestandteile eines Waldes aufzuzählen würde diesen Artikel sprengen. Entscheidend ist die Tatsache, dass diese Elemente selbst wieder Systeme darstellen, die zwar zusammen den Wald bilden, aber gleichzeitig ihr komplexes Eigenleben haben. Ob jetzt die Bäume soziale Wesen sind, die miteinander kommunizieren und Gefühle haben, wie das ein deutscher Förster sich vorstellt, mag Glaubenssache sein. In jedem Fall hat sich gezeigt, dass die Flora und Fauna zusammen den Wald ausmachen. Er verliert an Lebensfähigkeit, wenn das Zusammenspiel gestört wird. Das Gleiche gilt für alle Arten von Systemen. Eine Gesellschaft wird zusammengehalten von den Einzelpersonen mit ihrem Rechtssystem, ihrer Kunst und Wissenschaft, die über ähnliche Überzeugungen und Götter verfügen. Kommt es zu Störungen in diesem Gefüge, dann ergibt sich ein Zusammenprall der Zivilisationen mit den bekannten Folgen. Für eine wirksame Lenkung eines Systems ist es entscheidend die Teilsysteme mit ihren Bedürfnissen zu identifizieren.
  • Die Natur – Ein System lebt
    Die Faszination eines Waldes liegt in der Fähigkeit zur Autopoiesis. Überlässt man ein Ökosystem, wie einen Wald, sich selbst, tauchen wie aus dem Nichts seine Bestandteile hervor. Im richtigen Klima und mit ausreichend Wasser emergieren die Pflanzen und das Getier. Ein gutes Beispiel ist die isländische Insel Surtsey, die 1963 durch eine Folge von Vulkanausbrüchen entstanden ist. Das neu geschaffene Land wurde überraschend schnell von Pflanzen und schließlich von Vögeln besiedelt. Das Ganze funktioniert dadurch, dass alles auf der Erde Teil eines großen Systems ist, das man Gaia nennt. Das Gleiche gilt für die menschgemachten Dinge. Nehmen wir das World Wide Web als Beispiel. Es basiert heute noch auf den Konzepten, die 1989 entwickelt wurden – http(s), URLs, Hyperlinks, Email, usw. Und es entwickelt sich immer noch weiter – das WWW lebt. Die Verantwortlichen eines Systems sollten sich stets bewusst sein, dass das System seine Eigendynamik hat, auch ohne dass sie unentwegt Einfluss nehmen.
  • Der Tag, der Monat, das Jahr -Ein System hat Zyklen
    Die wichtigsten Zyklen eines Waldes werden von der Erde bestimmt – der Tag, der Monat, das Jahr, das Leben. Der Wechsel von Tag und Nacht, der Lauf der Sonne und die Jahreszeiten sowie die Lebensphasen sind in dem Verhalten des Waldes und seiner Elemente fest verankert. Alles ist darauf eingestellt, um im Sommer die Kraft zu sammeln, die einen über den entbehrungsreichen Winter bringt. Diese Zyklen zu kennen ermöglicht es, sich daran anzupassen. Alles wächst aus dem Nichts, durchläuft die Jugendphase, ist für eine bestimmte Zeit produktiv und baut irgendwann ab und verschwindet. Der Wald als Ganzes ist darauf eingestellt. Überall befindet sich etwas im Wachstum und Vergehen. Das Gleiche gilt für Projekte. Sie beginnen als Idee, werden zu einem komplexen Ganzen und lösen sich am Ende wieder auf. Die Berücksichtigung der Zyklen des Gesamtsystems und seiner Komponenten ist wichtig für seine Steuerung.
  • Der Dschungel – Ein System tendiert hin zum Gleichgewicht
    Überlässt man einen Wald sich selbst, dann tendiert er zu einem ausgewogenen Zustand. Die Bäume, Büsche und Pflanzen werden zu einem undurchdringlichen Ganzen. Nur die Tatsache, dass es auch in der Natur Störungen gibt, wie Gewitter, Stürme, Flüsse, die über die Ufer treten, Tiere, die die jungen Triebe eines Baumes fressen und natürlich der Mensch, der gnadenlos in das Ökosystem eingreift, verhindern, dass der Wald ins Gleichgewicht kommt, d.h., dass dort nichts mehr passiert. Das Gleiche gilt für die Wissenschaften, die unaufhörlich zu neuen Einsichten kommen. Unser steinzeitlicher Erfahrungshorizont war anders als der mittelalterliche oder der heutige. Die Folgen der Quantenphysik sind für uns jetzt noch nicht absehbar. Die entscheidende Erkenntnis ist hier, dass Störungen gut sind, da sie das System am Leben halten.
  • Das Umland – Ein System interagiert kontinuierlich mit seiner Umwelt
    Wie bereits erwähnt ist ein Wald zumindest eingebettet in ein anderes System – Gaia. Betrachtet man den Wald unabhängig von seiner Umwelt, dann verlieren wir einen wichtigen Motor für dessen Weiterentwicklung. So wie die Insel Surtsey durch das Meer und die Luft mit Leben infiziert wurde, so wird auch ein Wald kontinuierlich von seiner Umwelt unter Druck gesetzt. Das können die Autos sein, die um ihn herum fahren oder die Fahrzeuge, die in der nächsten Stadt ihre Emissionen in die Luft jagen. Selbst die Fauna dringt immer wieder in die Wälder ein, wie die Wölfe, die mittlerweile ohne unüberwindliche Grenzen durch Europa wandern. Das Gleiche gilt für Ökonomien. Eine Wirtschaft braucht die Energie von außen, um wachsen zu können. Wandert das Geld innerhalb des Systems immer nur von der rechten in die linke Tasche erhöht sich der Reichtum nicht. Es braucht den Handel mit den umgebenden Systemen, um aus einem Produkt oder einer Dienstleistung einen Mehrwert zu erzeugen. Gehen die Kosten gegen null, wie bei den heutigen digitalen Leistungen, und erfolgt der Verkauf außerhalb des eigenen Systems, dann wächst der Mehrwert ins Unermessliche. Verlierer sind die, die nichts produzieren und von außen versorgt werden. Das Zusammenspiel des eigenen Systems mit anderen ist kritisch für ihren Wohlstand.

Fazit: Der Wald verfügt über eine unvorstellbare Vielfalt. Gleichzeitig sind uns seine Elemente vertraut. Damit lässt sich die schwer nachvollziehbare Komplexität von Systemen gut verdeutlichen. Ein System hat festgelegte Grenzen, besteht aus anderen Subsystemen, lebt in Zyklen, strebt das Gleichgewicht an und steht in kontinuierlicher Interaktion mit seiner Umwelt. Damit ist der Wald die ideale Metapher für Systemkomplexität.

Der Schlüssel – die ideale Metapher für eine Lösung

Ein Schlüssel ohne Schloss ist so sinnvoll wie ein Schloss ohne Schlüssel. In jedem Fall dienen diese beiden Objekte dazu, den Zutritt von Unberechtigten zu verhindern. Der Schlüssel wird damit zum Symbol der Möglichkeit den Zugang zu versperren oder aufzumachen – egal, ob einem der Schlüssel zusteht oder nicht. Da nur Dinge von Wert weggeschlossen werden, ist der Schlüssel verknüpft mit dem Zugriff auf einen Schatz. Dabei kann es sich tatsächlich um Wertsachen handeln, aber auch um Erklärungen, Rezepte oder Lösungen.

Die folgenden Eigenschaften machen den Schlüssel zur idealen Metapher für Lösungen.

  • Klarer Zweck
    Die Tatsache, dass eine Tür oder eine Kiste verschlossen ist, spricht dafür, dass sich dahinter etwas Wertvolles oder Interessantes befindet. Der Schatz, den man mit dem Schlüssel erreicht, ist der eigentliche Zweck. Eine Lösung verfolgt ebenfalls einen Zweck. Dies können wirtschaftliche Ziele, Verbesserungen oder ein Projekt sein.
  • Passgenaues Konzept
    Die einfachsten Schlösser lassen sich mit einfachsten Schlüsseln öffnen. Da mit der Zeit Unberechtigte mithilfe eines Dietrichs sich den Zugang verschafften, wurden die Schlösser immer komplizierter. Aus diesem Grund haben heute verschiedene Schlüsselarten – Zylinder-, Bohrmulden-, Doppelbart-, Buntbart- oder Zeremonienschlüssel. Lösungen funktionieren ebenfalls am besten, wenn sie auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten sind und vor allem auf das Problem.
  • Präzise Umsetzung
    Das Verständnis des Schlosses und seines Zweckes reicht nicht aus, um den Mechanismus umzusetzen. Damit der Schlüssel funktioniert, muss er präzise zurechtgefeilt werden. Erst wenn alle Ecken und Kanten genau dem Schloss entsprechen, öffnet es sich. Entsprechend verhält es sich mit einer Lösung. Für die gewünschten Effekte müssen die Ergebnisse sauber ausgearbeitet werden. Sie müssen die richtigen Fragen beantworten, die zu dem Denkmodell und der Sprache der Zielgruppe passen sowie den angestrebten Zweck erfüllen.
  • Alltägliche Anwendung
    Stimmen die Umsetzung und das Material des Schlüssels, dann wird der Schlüssel lange in der alltäglichen Anwendung bestehen. Das gleiche gilt für umfassende Lösungen, die alle Aspekte, wie den geplanten Anwendungsfall, die Bedienung und die Ergebnisse, gut beschrieben haben.
  • Definiertes Vorgehen
    Bezeichnenderweise ähnelt sich sogar das Vorgehen. Um einen Schlüssel herzustellen, benötigt man zuerst ein Muster, im Falle einer Lösung ist das die konkrete Situation, um die es geht. Dann untersucht man das Ganze und findet dadurch Lösungen, aus denen man die wahrscheinlichste auswählt. Jetzt wird die Umsetzung geplant und durchgeführt. Beim Schlüssel gilt es jetzt, die Barten und Kanten herauszuarbeiten. Bei der Lösung die entsprechenden Lösungsbestandteile – ein Geschäftsprozess, Datenmodell oder eine Zuständigkeitsmatrix. Was bleibt, ist dann nur noch die Bedienungsanleitung und der Einsatz des neuen Schlüssels.

Fazit: Der Schlüssel öffnet Türen und Kisten und ermöglicht damit den Zugriff auf bestimmte Ergebnisse, die sich hinter den Schlössern verbergen. Die Lösung hat die gleiche Funktion. Sie verfolgt den Zweck, bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Diese Ähnlichkeit macht den Schlüssel zu einer idealen Metapher für eine Lösung.