Digitale Transformation – das Ende der Technokraten

Entscheider fühlen sich fern von den kleinen Einflussfaktoren. Und doch können die Flügelschläge von kleinsten Unternehmungen einen Sturm erzeugen. Immer mehr Computerpower ermöglicht zunehmend umfassendere Berücksichtigung dieser Mikroeinflüsse, die als Grundlage für Entscheidungen genutzt werden. Vor allem unentschiedene Top-Manager, die sich mit Entscheidungen schwertun, verstecken sich gerne hinter derartigen Berechnungen. Die Grundlage für eine Entscheidung ist für sie nicht die überzeugende Vorausschau oder das Gespür für ein gutes Geschäft, sondern das Ergebnis einer Berechnung, die auf Basis von Schätzungen zu den durch einen Algorithmus erzeugten Vorschlägen führt. Was die technokratischen Entscheider übersehen ist die Tatsache, dass diese Art von Entscheidung im Rahmen der digitalen Transformation die Computer übernehmen und damit ihr Ende einläutet.

Die folgenden Begründungen erklären die Weltsicht der Verantwortlichen, die fern von Vision und Bauchgefühl den entscheidenden Teil ihres Berufs aus dem Blick verlieren.

  • Sachzwänge als Rahmenbedingungen
    Die scheinbar zwingenden Notwendigkeiten sind Begründungen für eine Entscheidung, auf die Lenker meinen keinen Einfluss haben. Sie fühlen sich dadurch zu Entscheidungen gezwungen, die sie eigentlich nicht treffen wollen, sondern müssen. Grundlage bietet ihnen das Berichtswesen, das die angenommenen Schwachstellen mithilfe von Kennzahlen sichtbar macht. Diese Form der Externalisierung ist typisch für die, die sich nicht verantwortlich fühlen für ihr Tun.
  • Technischer Fortschritt als Ziel
    Die Effekte der Herrschaft von Sachverständigen zeigte sich bisher vor allem in totalitären Staaten. Die Planwirtschaft setzte auf strikte Vorgaben und die Zuweisung von Sachmitteln durch Fachleute, die am grünen Tisch Lösungen und Fünf-Jahrespläne ausarbeiten und entscheiden, ohne die Betroffenen zurate zu ziehen oder deren Fähigkeiten einzubinden. Die selektive Wahrnehmung und der Semmelweis-Reflex verhindern, dass diese Nerds eine ganzheitlich begründbare Wahl treffen.
  • Gerechtigkeit als blinder Fleck
    Die Logik der messbaren Sachverhalte überlagern den Blick auf das Zusammenspiel von quantitativen UND qualitativen Variablen, die sich in komplexen Wirkungsnetzen zeitverzögert gegenseitig beeinflussen. Vor allem subjektive Aspekte wie Gerechtigkeit sind schwer greifbar und werden von Fachleuten ausgeblendet, da sie sich nur schwer in eine Formel einbauen lassen. Durch die digitale Transformation lässt sich mehr berechnen, allerdings braucht die Maschine dann keine technokratischen Entscheider mehr, denn dann entscheiden die Algorithmen – besser, schneller und vorhersehbarer.
  • Rationalisierung als Begründung
    Seit die digitale Transformation in den Siebzigern begonnen hat, veränderte sich das Bild eines Unternehmens. Während Henry Ford alles dafür getan hat, um alle Aspekte der Wertschöpfung vertikal zu integrieren, werden die Aktivitäten heutzutage nicht nur auf verschiedene Unternehmen, sondern auch weltweit verteilt, um eine möglichst geringe Fertigungstiefe zu erreichen. Der Mensch als Akteur wird sukzessive von Maschinen abgelöst. Die verbleibenden Aufgaben werden so günstig wie möglich an Dritte vergeben. Technokraten agieren wie Sportsüchtige, die bis zum Zusammenbruch nicht aufhören können, leistungsfähiger und gleichzeitig fitter zu werden. Und das, obwohl sie damit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.
  • Der Mensch als statistisch-technische Funktion
    Auch wenn die Befindlichkeiten der Mitarbeiter und Führungskräfte sich nur schwer in Zahlen fassen lassen, bieten Statistiken Abhilfe – beispielsweise, um die persönliche Motivation bei der Arbeit zu beschreiben: In der Schweiz waren den Mitarbeitern im Jahr 2016 drei Gesichtspunkte am wichtigsten: ein gutes Verhältnis zu den Kollegen, eine spannende Tätigkeit und günstige Arbeitszeiten. Es ist bequemer, die Maßnahmen aus derart ermittelten Ergebnissen abzuleiten, als mit den eigenen Mitarbeitern darüber zu sprechen, was die für richtig halten. Entscheider, die ihre Entscheidungen mit Formeln berechnen, sind so anachronistisch wie der Pferdekutscher bei der Einführung der Automobile.

Fazit: Die Verantwortlichen stecken in einem Korsett aus Compliance, allgemeiner Verfügbarkeit von Daten und unüberschaubarer VUKA. Sie vergessen dabei den entscheidenden Teil ihres Geschäfts – die Menschen. Alles erfolgt so schnell und überall, dass die durchdachte Reaktion nicht mehr möglich ist. Die umfassende Aufgliederung in die Bestandteile eines Sachverhalts und die detaillierte Untersuchung der Feinheiten lassen sich auch nicht mit einem besonderen Kraftakt erledigen. Die digitale Transformation automatisiert die meisten Routinetätigkeiten.  Und Achtung! Auch die technokratischen Entscheider werden bald nicht mehr gebraucht, da in Zukunft die Mitarbeiter selbst entscheiden, weil sie näher am Kunden und dem tatsächlichen Geschehen sind. Was bleibt, ist die übergreifende Steuerung des Unternehmens, die sich nicht an eine Formel delegieren lässt, sondern eine echte Entscheidung benötigt. Der intuitive Unternehmer, der sich auf sein Bauchgefühl verlässt und der ethischen Werten verpflichtet ist, löst damit die Technokraten ab, die durch ihr Korsett unfähig sind zu entscheiden. Die digitale Transformation, die als das letzte Mittel zur Vermeidung von Personalkosten angesehen wird, ersetzt ihre Förderer durch entsprechende Software und leitet das Ende der Technokraten ein.