Die wuchernde Alltagskomplexität

Gregor hat sich einen neuen Laptop gekauft – ein Schnäppchen mit allem, was dazu gehört. Nach dem Einschalten noch ein paar persönliche Daten erfassen und dann ans Wireless LAN anschließen und schon öffnet sich der Browser mit der Startseite des PC-Herstellers. Da der neue Rechner so zügig einsatzbereit ist, muss jetzt nur noch das Programm für die Hausverwaltung installiert werden. Die DVD und die Lizenz liegen auf dem Tisch, aber wo ist das DVD-Laufwerk? Nach dieser Vollbremsung ruft er Kurt an, der ihm wiederholt bei Computerproblemen geholfen hat. Eigentlich lief alles bis hierher fast von allein.

Am Ende ist es nicht entscheidend, wie alt Gregor und Kurt sind. Genauso wenig wie die Auswahl eines PCs als Beispiel. Wir hätten genauso eine Heizungsanlage, den Large Hadron Collider (LHC) bei Genf oder ein Auto nehmen können. Aufgrund ihrer Verbreitung betrachten wir Computer als Beispiel für die heutige Alltagskomplexität – Desktop-PCs, Smartphones, Tabletts, Laptops, und so weiter. Auf vielen Ebenen finden sich Teile und Komponenten, die miteinander verbunden sind. Endanwender bemerken das jedoch erst, wenn etwas schief geht – d. h. wenn an einer x-beliebigen Stelle etwas nicht das tut, was es soll. Dies führt zu einer wuchernden Alltagskomplexität, die ungeschickterweise Komplikationen, Frustrationen und Stress bei den Anwendern auslösen.

  • Der PC
    Das Gerät, die sogenannte Hardware, besteht aus Komponenten (z. B. Platine, Prozessor, Grafikkarte, Bildschirm, Tastatur, Maus, Netzteil), die von den Herstellern der Komponenten und Geräte, sowie von den Administratoren oder sogar den Endanwendern beliebig ausgetauscht oder konfiguriert werden. Kleinste Parameteränderungen können den PC lahmlegen.
  • Das Betriebssystem
    Das Betriebssystem besteht aus verschiedenen Programmen, die der Hardware ein standardisiertes Set an Schnittstellen anbietet, mit denen interne Funktionen gesteuert und externe Geräte (wie Bildschirme, Drucker, Netzwerke) angeschlossen werden – vor allem MacOS, Windows und Linux. Die komplexen Einstellungen werden standardmäßig vorgegeben, sind geschützt und werden meistens von Administratoren verwaltet – außer bei Privatanwendern, die sich selbst kümmern müssen.
    Kleinste Parameteränderungen können das Betriebssystem und damit den PC lahmlegen.
  • Die Anwendersoftware
    Die Anwendungen, heute Apps genannt, sind Programme, die allgemeine oder ganz besondere Funktionalitäten bieten – d. h. Text-, Bild- und Tabellenverarbeitung sowie die Durchführung verschiedener Geschäftsprozesse und Sonderfunktionen. Die Applikationen laufen nur auf dafür vorgesehenen Betriebssystemen. Die Standardeinstellungen dieser Software orientieren sich an den Durchschnittsbedürfnissen der Anwender. Die Integration in die vorhandene Softwarelandschaft erfordert Wissen bezüglich der installierten Programme, das meistens im Privaten nicht bezahlbar ist.
    Kleinste Parameteränderungen können die Software lahmlegen.
  • Der Browser
    Der Browser ist eine besondere Software, da sie Cloud-basierte Lösungen (SaaS, PaaS und IaaS) ermöglicht, d. h. Programme, die im Internet installiert sind und über den Browser betrieben werden. Zusätzlich gibt es Standardservices, wie Suchmaschinen und soziale Medien wie Facebook, Instagram, Twitter, Linken, usw. Anwender brauchen nichts weiter als den Zugang zum Internet, einen Browser und die Zugangsberechtigung, um die Anwendungen zu betreiben. Die Einstellungen werden von entsprechenden Experten vorgenommen und erfordern bestimmte Browser mit bestimmten Einstellungen.
    Kleinste Parameteränderungen können den Browser lahmlegen.
  • Das Internet
    Das Internet ist der weltweite Verbund von Rechnernetzen, die aufgrund von Standards, wie TCP-IP, HTTP, DNS, das World Wide Web, E-Mail und viele andere Services ermöglichen. Damit kann jeder Rechner sich mit jedem anderen Rechner verbinden, solange beide einen Zugriff haben. Jeder Rechner hat dabei eine Nummer, z. B. 192.168.1.0815, die jedoch leichter genutzt werden kann durch einen sprechenden Namen, wie z. B. https://memecon.info. Der Zugriff und das Management erfordern bestimmte Parameter, die Experten verwalten.
    Kleinste Parameteränderungen können den Zugriff ins Netz und damit alle cloud-basierten Services lahmlegen.

Die obigen Absätze sind nur ein paar wenige Beispiele für die Einstellungen, die Computer am Laufen halten. Der Teufel steckt im Detail. Gregor ist ein gutes Beispiel für jemanden, der dieser Alltagskomplexität ausgesetzt ist. Er ist 86 und hat sich nach seiner Rente den ersten Rechner mit Windows 95 gekauft und schließlich gelernt, ihn zu bedienen. Über die Jahre hat er sich zwei neue Rechner mit jeweils dem neuesten Betriebssystem geleistet. Obwohl er in die heutige Komplexität hineingewachsen ist, bringen ihn die neueren Entwicklungen an seine Grenzen. Verstärkt wird die Problematik durch immer schlechtere oder fehlende Beschreibungen – und die Hersteller sind der Meinung, dass der Anwender die Verantwortung hat, selbst klar zu kommen.

Fazit: Die Alltagskomplexität ist unmerklich gewachsen, so wie eine Herdplatte sich schrittweise erhitzt. Wie der Frosch, der im Wasser schwimmt, während es sich erhitzt, so haben wir die wachsenden Anforderungen des Alltags nicht bemerkt. Und nachfolgende Generationen werden von Anfang an damit belastet. Wir brauchen Herangehensweisen, um mit der weiter wuchernden Alltagskomplexität zurechtzukommen, auch für Privatpersonen – zum Beispiel altersgerechte Kurse in der Schule; verbesserte Dokumentationen der Hersteller; Dienstleister, die Probleme lösen, Fragen beantworten und Schulungen anbieten. Ansonsten überrollt alle eines Tages die wuchernde Alltagskomplexität, was zu einer Ablehnung dieser Maschinen führen wird.