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Der Fluch der Einseitigkeit

Der Weg mit dem geringsten Widerstand baut auf Einfachheit, die durch Einseitigkeit am leichtesten erzeugt wird. So tun, als ob … ist dann einfach, wenn nur eine Variante berücksichtigt wird. Allerdings haben selbst vereinfachte Umstände mehrere Aufsatzpunkte – die beteiligten Personen, Dinge, Einflussfaktoren und Unvorhersehbarkeiten. Nehmen wir zwei Protagonisten, dann erhalten wir zwei Grundpositionen. Durch mehr Teilnehmer erhöhen sich auch die denkbaren Beziehungen. Die vereinfachende Einseitigkeit blendet diese vielfältigen Umständen und ihre Folgen aus. Eine logische Abwägung der exponentiell wachsenden Verhältnisse ist nicht mehr möglich. Wie bei dem eingeschränkten Blick durch ein Fernrohr auf einen Billardtisch, geht der Überblick verloren. Es werden zwar Feinheiten einer Billardkugel sichtbar, aber alle anderen Kugeln, die Positionen zueinander und das etwaige Zusammenspiel bleiben verborgen – ganz zu schweigen von der unüberschaubaren Vielfalt der Folgen.

Was sind die Gründe, dass Vielfalt nicht wahrgenommen und verarbeitet werden kann?

  • Der Startpunkt bestimmt die Folge
    Nicht nur die Position jeder Kugel auf dem Spielfeld legt den weiteren Verlauf fest, sondern auch die Art und Stärke des Stoßes sowie die Einbeziehung der anderen Kugeln und der Bande. Diese Faktoren genau zu ermitteln und zueinander in Beziehung zu setzen, ist aussichtslos. Erfahrene Spieler können jedoch den aktuellen Stand so wahrnehmen, dass sie einen bestmöglichen Stoß finden. Der einseitige Blick auf eine Kugel führt zu zufälligen, nicht beabsichtigten Folgen.
  • Der nächste Punkt wird erneut zu einem Startpunkt
    Nach dem Stoß ist vor dem Stoß, da jedes Mal eine neue Situation sich entwickelt, die genauso offen ist wie der Startpunkt. Das macht das Spiel zu einer Reihe von mannigfaltigen Sachlagen, die sich nur grob vorwegnehmen lassen. Jeder Stoß erfolgt auf Basis von dem sich ergebenden Stand der Dinge und den jeweiligen Perspektiven – beim Billard umkreisen die Akteure den Tisch, um intuitiv den besten Platz für den Stoß zu finden. Einseitig wären die Spieler, wenn sie immer von der gleichen Stelle aus agieren, was den bestmöglichen Stoß fast immer verhindert.
  • Die Anzahl der Startpunkte hängt von der Zahl der Sachverhalte ab
    Die gewählte Spielart regelt, welche und wie viele Kugeln gespielt werden. Dies hat Einfluss auf die Konstellationen auf dem Tisch. Der Handlungsspielraum ergibt sich aus der Größe des Tisches und der Reichweite der Spieler. Zusammen führt das zu den in Betracht kommenden Startpunkten. Einseitigkeit beschränkt diese Zahl von vorneherein – wenn beispielsweise lediglich von einer Seite gespielt, nur eine Kugel berücksichtigt und das Zusammenspiel der Bande und der anderen Kugeln ausgeblendet wird.
  • Die Anzahl der möglichen Ergebnisse erhöht sich exponentiell
    Die Folge der Ausgangssituationen, die Stärke und der Effet des Stoßes führen zu einer unendlichen Zahl von erreichbaren Ergebnissen – die Wege und Drehungen der Kugeln, die anschließenden Halte jeder Kugel, die gemachten Punkte usw. Je länger das Spiel dauert, desto mehr mögliche Ergebnisse entstehen. Einseitigkeit zeigt sich an bescheidenen Erwartungen. Entscheidungen, die auf vereinfachten Ergebnissen aufsetzen, erhöhen die unbeabsichtigten Folgen.
  • Das bestmögliche Ergebnis braucht Intuition
    Die sich weiterentwickelnde Messtechnik erlaubt immer feinere Positionsbestimmungen, die zu besseren Vorhersagen führen könnten. Leider hat uns der Flügelschlag des Schmetterlings gelehrt, dass feine Unterschiede in der Ausgangssituation zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen können. Billardspieler bewegen sich aus diesem Grund unentwegt beobachtend um den Tisch herum, wechseln den Blickwinkel, um die aktuelle Situation ganzheitlich zu erfassen. Ihre Erfahrung liefert ihnen intuitiv die beste Stoßrichtung und -intensität. Die Einfallslosigkeit baut auf Messdaten, Logik und braucht nachvollziehbare Begründungen. Der Einseitigkeit bleibt die Intuition verschlossen.

Fazit: Die vereinfachende Einseitigkeit schränkt den Handlungsspielraum ein. Die Ausgangspositionen und die Anzahl der beobachtbaren Sachverhalte sowie mögliche Ergebnisse werden ausgeklammert. Gleichzeitig verhindert eine solche Vereinfachung einen intuitiven Ansatz, indem sie sich auf einige logische Argumente stützt. Das Ergebnis sind unzureichende Lösungen für verzwickte Sachverhalte. Da jedoch die Lösungen stets an die Komplexität der Schwierigkeiten angepasst sein müssen, um zuverlässig wirksam zu werden, ist Einseitigkeit unweigerlich zum Scheitern verurteilt – außer: Zufälle helfen.

 

The curse of one-sidedness

The line of least resistance is built on simplicity, which is most easily generated by one-sidedness. Doing as if is simple when you only consider one variant. However, even simplified circumstances have multiple leverage points – the involved people, things, influencing factors, and unpredictabilities. If we take two protagonists, we get two default positions. More participants also increase the potential relationships. The simplifying one-sidedness hides these manifold constellations and their consequences. A logical balancing of the exponentially growing relations is no longer possible. Like with the limited view on a billiard table through a telescope, the overview gets lost. Fine details of a billiard ball become visible. Still, all other balls, their positions to each other, and the hypothetical interaction remain hidden – not to mention the unpredictable variety of consequences.

What are the reasons that diversity cannot be perceived and processed?

  • The starting point determines the consequence
    Each ball’s position on the playing field determines the further course and the type and strength of the impact, and the involvement of the other balls and the cushion. To precisely determine these factors and to relate them to each other is hopeless. However, experienced players can perceive the current state so that they can find the best possible shot. Looking at one ball one-sidedly is likely to lead to random, unintended consequences.
  • The next point again becomes a starting point
    After the shot is before the shot, since each time a new situation evolves, which is just as open as the starting point. This makes the game a series of manifold circumstances, which can only be roughly anticipated. Every push is made based on the current state of affairs and the respective perspectives – for playing billiards, the participants circle the table to find intuitively the best place for the shot. The players would be one-sided if they always acted from the same location, which almost always forecloses the best possible shot.
  • The number of starting points depends on the number of circumstances
    The selected game type regulates which and how many balls are shot. This influences the constellations upon the table. The scope of action results from the size of the table and the reach of the players. Together this leads to the starting points that can be considered. One-sidedness limits this number from the outset – for example, if a player only plays from one side, only takes one ball into account, and ignores the interaction with the cushion and the other balls.
  • The number of possible outcomes increases exponentially
    The sequence of initial situations, the strength, and the spin of the shot lead to an infinite number of achievable results – the balls’ paths and twists, the following halts of each ball, the points made, etc. The longer the game lasts, the more possible results emerge. Low expectations can be seen by one-sidedness. Decisions based on simplified outcomes increase unintended consequences.
  • The best possible result needs intuition
    Evolving measurement technology allows ever finer positioning that could lead to better predictions. Unfortunately, the butterfly’s flapping has taught us that subtle differences in the initial situation can lead to unpredictable consequences. For this reason, Billiard players continuously move around the table observing, changing their point of view to grasp the current situation holistically. Their experience provides them intuitively with the best impact direction and intensity. Unimaginativeness relies on measured data, logic and needs comprehensible justifications. To one-sidedness, intuition remains hidden.

Bottom line: The simplifying one-sidedness limits the scope of action. The starting positions and the number of observable facts, as well as possible results, are excluded. Simultaneously, such a simplification prevents an intuitive approach by relying on a few logical arguments. The consequence is inadequate solutions for wicked problems. However, since solutions must always be adapted to the complexity of the difficulties to be reliably effective, one-sidedness is inevitably doomed to failure – unless coincidences help.