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Das relative Normale

Im altpreußischen Infanterieregiment 6 dienten die Langen Kerls dem König der Preußen. Benannt nach der Mindestlänge von sechs preußischen Fuß und verlängert durch ihre besonders hohe, rote Mütze, bildeten sie eine imposante Formation. Wer die Langen Kerls nie zu Gesicht bekam, war zu dieser Zeit 20 cm kleiner und konnte von einer durchschnittlichen Größe von 1,67 m ausgehen. Im Gegensatz dazu maßen die Langen Kerls ca. 1,88m. Die normale Größe wurde bestimmt durch das Umfeld, in dem sich die Menschen befinden. Normalität liegt eben im Auge der Betrachtenden.

Die persönlichen Erfahrungen und kulturellen, technischen, wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen oder ökologischen Muster machen den Unterschied.

  • Die kulturelle Normalität
    Gemeinsame Werte oder Lebensstile sind die Grundlage für den Zusammenhalt von Gruppen. Für einige sind feste Termine unbedeutend (polychron). Andere legen Wert auf eine verbindliche Zeitaufteilung (monochron). Weitere Unterschiede ergeben sich aus der Sprache – High-Context, wenn für gewöhnlich wenig gesagt wird, weil das meiste als bekannt gilt; Low-Context, wenn in der Regel jedes Detail mitgeteilt wird. Zusätzliche Dimensionen der Normalität sind die Handlungen in und Interaktionen mit der Umwelt; ob der Schwerpunkt auf der Gruppe oder den Einzelnen liegt; der Umgang mit dem Raum; die gelebten Machtstrukturen; den mentalen Modellen; den schwer verrückbaren Glaubenssystemen.
    Normal ist bestimmt durch die kulturellen Gegebenheiten, in denen wir leben.
  • Die technische Normalität
    In der heutigen VUKA-Welt der entwickelten Staaten ist es schwer vorstellbar, dass der technische Alltag auf der Erde sich sehr stark unterscheidet. Nehmen wir als Beispiel die Khoisan, die Jäger und Sammler, die seit 10.000 bis 25.0000 Jahren im südlichen Afrika mit Pfeil und Bogen jagen und sich mit Klicklauten verständigen. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen in den Industrieländern elektronische ‚Prothesen‘, die beim Denken helfen und auf Zuruf Befehle verstehen und ausführen. Apps stellen Smarthome-Anwendungen, Sprachübersetzungen, assistiertes Fahren und Navigationssysteme zur Verfügung. Der technische Alltag wird vor allem von IT durchdrungen, die den Betrieb sicherstellt, Produktlebenszyklen beschleunigt und Produktneuerungen ermöglicht.
    Normal ist bestimmt durch die verfügbaren technischen Möglichkeiten.
  • Die wirtschaftliche Normalität
    In der Frühgeschichte bestand die Wirtschaft aus Tauschhandel – getauscht wurde Jagdbeute für Ackerfrüchte für Werkzeuge für Kleidung für Küchenutensilien für Schmuck. Seit dem siebten Jahrhundert v. Chr. lösten Münzen, seit dem siebten Jahrhundert n. Chr. Geldscheine und seit dem 15. Jahrhundert bargeldlos Bezahlsysteme den Tausch ab. Parallel boten erst Handwerker, dann Manufakturen und schließlich Unternehmen immer größere Stückzahlen an. Mit der Industrialisierung hat die maximal differenzierte Arbeitsteilung ihren Zenit überschritten. Im Zuge der Digitalisierung werden massenproduzierte Einzelaufträge (serielle Maßanfertigung) möglich.
    Normal ist bestimmt durch das vorherrschende Wirtschaftssystem.
  • Die politische Normalität
    Die Einstufung eines Landes als Demokratie unterstellt vergleichbare politische Verhältnisse – z.B. in Deutschland, Schweden und Spanien. Bereits in der Ur-Demokratie der Griechen waren nicht alle Menschen gleich (mehr hier). Betrachten wir dann weitere Länder, wie Nord-Korea, Weißrussland, China oder auch die USA und Brasilien, dann werden die unterschiedlichen Lebensbedingungen sichtbar – Wettbewerbsaufsicht, politische Stabilität, Steuergesetze, Handelshemmnisse, Sicherheitsvorgaben und Subventionen.
    Normal ist bestimmt durch das aktuelle politische System.
  • Die rechtliche Normalität
    Das Rechtsverständnis hängt eng an der politischen Normalität, d.h. ist bestimmt durch die nationalen Grenzen. Je nach Standort unterscheiden sich Gesetzgebung, der Umgang mit Minderheiten, Verbraucher-, Kartell-, Arbeits- und Arbeitsschutzrecht, Steuerrichtlinien, Wettbewerbsregelungen sowie weitere rechtliche Einflussgrößen, Vorschriften, internationalen und nationalen Standards, lokalen Verordnungen und Mechanismen zur Überwachung und Gewährleistung der Einhaltung. Das Recht ist überall anders – bis auf die Tatsache, dass Menschen sich daran halten müssen.
    Normal ist bestimmt durch das physische Vor-Ort-Sein von Menschen und Anlagen.
  • Die ökologische Normalität
    Die natürliche Umwelt hängt von dem Längen- und Breitengrad und der Höhenlage ab. Zusätzlich werden die naturgegebenen Bedingungen durch industrielle Folgeschäden bedroht. Unabhängig davon, ob es sich um menschgemachte Schäden handelt oder nicht, müssen auch die letzten Zweifler anerkennen, dass die Klimadaten auf einen dramatischen Klimawandel hindeuten. Wetterextreme und eine veränderte Temperatur bedrohen die lokalen Existenzen.
    Normal wird bestimmt durch die übermächtige Natur.

Die Gaußsche Glockenkurve ist der bekannteste Ausdruck für statistische Normalität. Hierbei werden beispielsweise Eigenschaften wie Lebensalter, Intelligenz oder Einkommen der Bevölkerung ausgewertet. Die Lebenserwartung hängt von der Art der Berechnung ab, d.h. die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei der Geburt ist 84; das häufigste Todesalter ist jedoch 90. Der normale Intelligenzquotient liegt zwischen 85 und 115. Ein normales Einkommen liegt zwischen 15.000€ und 100.000€; das Brutto-Durchschnittseinkommen liegt in Deutschland bei 3.975€ (Frauen 3.578€/ Männer 4.146€).
Die statistische Normalität wird bestimmt durch nachvollziehbare Zahlen – abhängig von der Berechnungsart.

Fazit: Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt kein allgemeines Normal. Es handelt sich immer um eine wahlfreie Festlegung, die jederzeit auch anders verfügt werden kann. Dies erklärt die vielen alternativen Fakten, die sich aus den besagten Gründen nicht vermeiden lassen. Diskussionen sind unvermeidlich. Und rechthaberische Meinungsmacher können jeden erdenklichen Standpunkt einnehmen. Da wir dies nicht verhindern können, brauchen wir neue Wege mit dieser Relativität umzugehen. Wir können damit beginnen, nicht mehr über vage Fakten, Zahlen und Daten zu streiten. Sobald wir mehrere Experten befragen, erhalten wir eine Vielzahl von schlüssigen Erklärungen. Es geht jedoch nicht darum, sich auf das Normale zu einigen, sondern lieber eine gemeinsame Lösung zu finden. Ein Problem verschwindet nicht, wenn man um das relative Normale streitet, sondern wenn nur das Problem gelöst wird.