Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

Peter Drucker hat uns gezeigt, dass man nur das lenken kann, was man gemessen hat. Dies hat dazu geführt, dass wir heute von Zahlen, Daten und Fakten überrollt werden. Jährlich werden über 3,7 Millionen Patente angemeldet – viele im Bereich Digitalisierung und Medizin. Gleichzeitig haben wir nicht ALLE Informationen. Einerseits kann oder will man sie nicht ermitteln, aus welchen Gründen auch immer. Andererseits werden Daten zwar ermittelt, aber aufgrund von bestimmten Rahmenbedingungen erreichen sie nie das Licht der Öffentlichkeit. Sei es, dass jemand entscheidet, dass die Daten bestimmter Sachverhalte keine Bedeutung für die Öffentlichkeit haben oder aus Gründen der Geheimhaltung. Trotz dieser Unvollständigkeit werden so viele Daten publiziert, dass unzählige Blickwinkel zur Verfügung stehen, was dazu führt, dass wir entscheiden müssen, an was wir uns orientieren. Heute, am 20.04.2020, werden deutsche Coronazahlen vom Robert Koch Institut mit 141.672 Infizierten und gleichzeitig von der Johns-Hopkins-Universität 145.742 Infizierten angegeben. Hätten wir weitere offizielle Quellen, gäbe es weitere Zahlen. Das liegt weniger an der Güte der Auswertungen als an kleinen Unterschieden der Definitionen, Erhebungen, Auslegungen, Aufbereitungen, usw. Solche Abweichungen verunsichern. Anstelle zu lernen sich auf diese schwammige Reizüberflutung einzustellen, sperren sich manche gegen diese Zahlen und denken: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Unsere menschliche Datenverarbeitung ist genetisch auf jagen und sammeln eingestellt. Wir sind so programmiert, dass wir instinktiv Gefahren erkennen, wie giftige Pflanzen, gefährliche Tiere und Orte. Deshalb müssen wir auf absehbare Zeit den Umgang mit der virtuellen Umwelt lernen. Als Startpunkt werfen wir einen Blick auf die Besonderheiten, wie wir etwas erkennen.

  • Man sieht nur, wenn man hinschaut
    Die Augen sitzen auf der Vorderseite unseres Kopfes. Damit fällt der Blick in die Richtung, in die wir uns bewegen oder unseren Kopf hindrehen. Den Großteil der 214° unseres Gesichtsfelds sehen wir unscharf. Der Bereich, indem wir scharf sehen, beträgt nur 1,5°. Alles, was sich außerhalb des Gesichtsfelds befindet, sehen wir nicht. Damit uns trotzdem nichts entgeht, schweift unser Blick unentwegt umher. Sie lesen diesen Text und nehmen gleichzeitig ihr Umfeld war. Sobald sich etwas in den unscharfen Bereichen bewegt, schauen wir hin. Für den unsichtbaren Teil haben wir beispielsweise die Ohren, die uns auf Geräusche aufmerksam machen und uns anregen den Blick in diese Richtung zu lenken. Ohne die visuelle Aufnahme durch die Augen, haben wir nichts gesehen.
  • Man sieht nur, wenn man findet
    Da die Masse der Daten, die unsere Augen erreichen unscharf sind, müssen wir, um etwas erkennen zu können, darauf scharf stellen. Das Interesse wird durch Kontraste, Abweichungen und Gleichförmigkeit geweckt. Kontraste entstehen, wenn Komplementärfarben, unterschiedliche Farbsättigungen und Helligkeiten nebeneinander anfallen. Das gilt auch für Linien und Formen, die ein bestimmtes Muster stören. Diese Abweichungen können statisch oder dynamisch im Blickfeld liegen. Neben diesen spontanen Auslösern finden wir etwas, weil wir es bewusst suchen, z.B. ein bestimmtes Haus in der Skyline. Wir finden jedoch nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst. Wenn uns beispielsweise beim Überfliegen eines Textes bestimmte Schlüsselworte nicht sofort bewusst werden, sondern erst nach dem Weiterblättern das Gefühl entsteht, dass da etwas Interessantes stand, und wir jetzt diese Seite noch einmal, aber langsamer, bewusst lesen. Diese unbewusst gefundenen Eindrücke bleiben auch über längere Zeit verfügbar. Allerdings sind sie nur schwer wiederherstellbar. Ohne die bewusste Entdeckung, haben wir nichts gesehen.
  • Man sieht nur, was man erkennt
    Ein gutes Beispiel für das Erkennen sind abstrakte Bilder. Kunstinteressierte werden das berühmte Bild Viereck, auf dem ein schwarzes Viereck vor einem weißen Hintergrund zu sehen ist, als von Malewitsch 1915 gemalt erkennen. Und manche werden die Erklärung kennen und andere sehen nur ein schwarzes Viereck. Erinnert wird, was die Einzelnen jeweils erkennen, für sich aus dem Bild ableiten und langfristig abspeichern. Im Alltag läuft es nicht anders. Wir merken uns, bewusst oder unbewusst, nur die Sachverhalte, die wir wiedererkennen oder in unsere Kategorien einordnen können – mögliche Kategorien sind: Noch nie gesehen; Was ist das? Gefällt mir nicht. Ohne das Gesehene einer Kategorie zuordnen zu können, haben wir nichts gesehen.
  • Man sieht nur, bis man das Nächste sieht
    Der visuelle Eindruck steht immer im Wettbewerb mit dem nächsten. Fährt man mit einem Bus durch Paris, dann drehen wir unentwegt unseren Kopf, da sich überall Sehenswürdigkeiten finden. Und beim verlängerten Betrachten des Eiffelturms entgehen uns leicht das Seine-Panorama oder der Trocadéro. Erst wenn sich der Blick von einer Aussicht löst, hat man die Chance, etwas anderes zu sehen. Bei einer Reise kommen schnell so viele Eindrücke zusammen, dass man sich oft an das meiste nicht gut erinnert. Und manche Besonderheiten können dadurch übersehen werden. Fotografiert man alles, dann hat man zwar viel Material, um es sich später genau anzusehen, verpasst aber die Möglichkeit vor Ort die Gegend zu erleben. Ohne den Blick von dem aktuellen Panorama zu lösen, sehen wir das Nächste nicht.

Fazit: Lange Rede, kurzer Sinn. Unsere visuelle Wahrnehmung hat sich auf Reizüberflutung eingestellt und macht uns nicht alles, was wir sehen, bewusst. Im selben Moment sehen wir nur den Teil, der uns vor Augen ist. Würden wir jedoch alles sehen und verarbeiten, würden wir durchdrehen und lebensunfähig. Aus diesem Grund brauchen wir ein natürliches Verhältnis zu unserer Wahrnehmung. Man sieht nur, wenn man hinschaut und findet und erkennt, bis man das Nächste sieht. Je mehr Leute dabei sind, umso mehr sehen sie. Es ist unnötig, sich darüber zu ärgern, wenn man etwas verpasst, denn dafür hat man etwas anderes mitbekommen. Zur Stressvermeidung gilt: Was ich nicht weiß, d.h. sehe, macht mich nicht heiß.

What I don’t know won’t hurt me

Peter Drucker has shown that you can only steer what you have measured. This has led to the fact that today we are overwhelmed by facts and figures. More than 3.7 million patents are registered every year – many in the field of digitalization and medicine. At the same time, we do not have ALL the information. On the one hand, one cannot or do not want to gather it, for whatever reason. On the other hand, data is collected, but due to certain conditions, it never reaches the light of day. Be it that someone decides that the data of certain facts are of no importance to the public or for reasons of secrecy. Despite this incompleteness, so much data is published that countless perspectives are available, which means that we have to decide, which one we focus on. Today, on 04/20/2020, German corona numbers are given by the Robert Koch Institute with 141,672 infected people and at the same time by the Johns Hopkins University with 145,742 infected people. If we had other official sources, there would be additional numbers. This is not so much a matter of the evaluation qualities but due to small differences in the definitions, collections, interpretations, processing’s, etc. Such deviations are unsettling. Instead of learning to adjust to this fuzzy information overload, some people are against these figures and think: What I don’t know won’t hurt me.

Our human data processing is genetically adapted to hunting and gathering. We are programmed to instinctively detect hazards, such as poisonous plants, dangerous animals and places. Therefore, we must learn to deal with the virtual environment for the foreseeable future. As a starting point, we take a look at the specifics of how we recognize something.

  • You can only see, when you look at it
    The eyes are on the front of our head. This means that the sight goes in the direction in which we move or turn our head. Most of the 214° of our visual field we see blurred. The area where we see sharply is only 1.5°. Everything outside the field of view we do not To make sure that we still don’t miss anything, our eyes permanently wander around. You are reading this text and at the same time you are taking your surroundings into account. As soon as something moves in the blurred areas, we take a look. For the invisible part we have, for example, the ears, which draw our attention with sounds and trigger us to turn the view in this direction. Without the visual recording through the eyes, we have seen nothing.
  • You only see, when you find
    Since the mass of data that reaches our eyes is blurred, we need to focus on it in order to be able to recognize something. Contrasts, deviations, and also uniformity arouse interest. Contrasts are created when complementary colors, different color saturations and brightness appear side by side. This also applies to lines and shapes that disturb a certain pattern. These deviations can be static or dynamic in the field of vision. In addition to these spontaneous triggers, we find something because we consciously search for it, e.g. a certain house in the skyline. However, we are not only finding consciously, but also unconsciously. If, for example, we skim over a text, we are not immediately aware of certain key words, but only after turning the page, we get the feeling that something interesting was there, and we now read this page again but slower with more attention. These unconsciously found impressions remain available for a long time. However, they are difficult to reactivate. Without the conscious discovery, we have seen nothing.
  • You only see, what you recognize
    A good example of recognition are abstract pictures. Those interested in art will recognize the famous painting Black Square where a black square is shown above a white background, as having been painted by Malevich in 1915. And some will know the explanation and others will see only a black square. Remembered is only what each individual recognizes, deduces from the picture and stores over the long run. In everyday life, things are no different. We only remember, consciously or unconsciously, the facts that we recognize or can place in our categories – possible categories are: Never seen before; What is that? I do not like it. Without being able to assign what we have seen to a category we have seen nothing.
  • One only sees, until one sees the next
    The visual impression is always in competition with the next. If one drives with a bus through Paris, then we turn our heads all the time, as there are landmarks everywhere. And by looking at the Eiffel Tower for a longer time, we easily miss the Seine panorama or the Trocadero. Only when our eyes break up with a view, one has the chance to see something else. During a trip, so many impressions happen quickly that most of them are often not well remembered. And some special features may be overseen. If somebody photographs everything, then one has a lot of material in order to have a closer look at it later but misses the opportunity to experience the area on the spot. Without releasing the view from the current panorama, we cannot see the next one.

Bottom line: Long story short. Our visual perception has adjusted to information overload and does not make us aware of everything we see. At the same time, we only see the part that is in front of us. However, if we were to see and process everything, we would go crazy and become unlivable. For this reason, we need a natural relation to our perception. We only see, when we look and find and recognize until we see the next thing. The more people there are, the more they see. There is no need to get angry about missing something, because in return you have seen something else. To avoid stress, the following applies: What I don’t know, i.e. see, won’t hurt me.