Grenzenloses Wachstum – nichts weiter als ein Verkaufargument

Das Einzige, was im Universum bisher ohne Ende zu wachsen scheint, ist das Universum selbst. Und entgegen unserer Intuition dehnt es sich immer schneller aus. Es könnte länger dauern, als die Erde existiert, bis das Maximum erreicht wird, sofern es das überhaupt gibt. Ansonsten folgt alles dem Lauf des Werdens und Vergehens. Alles entsteht, reift heran, wirkt für eine gewisse Zeit, baut dann ab, bis es verschwunden ist. Denken wir an einen Luftballon, der beim Aufblasen immer größer wird. Der Gummi wird mit steigender Anstrengung gedehnt. Der Druck im Ballon steigt. Hören wir nicht auf Luft hinzuzuführen, erreichen wir sein Maximum und mit einem Hauch mehr, platzt er unweigerlich. Die Menschen haben ein zu kurzes Leben, um dies bei allen Lebenszyklen beobachten zu können. Aber auch ohne sie vollständig verfolgen zu können, beobachten wir Entstehungen und Auflösungen im Kleinen wie im Großen. Nichts liefert einen Hinweis, dass es grenzenlos wachsen könnte.

Und trotzdem verkaufen Banken und Finanzspezialisten ihre Produkte mit dem Argument, dass das heutige Wachstum eines Angebots ein sicherer Hinweis darauf ist, dass es sich um eine sichere Anlage handelt – und das nach historischen Zusammenbrüchen seit der Tulpenkrise im 17. Jahrhundert oder der Weltwirtschaftskrise 1929 oder der Rettung der Banken 2008. Dabei liegen die Einflussfaktoren, die dagegen sprechen, auf der Hand.

  • Wachstum braucht Energie von außen
    Ein geschlossenes System ist nicht in der Lage zu wachsen (siehe hier) – innerhalb bleibt die Energie konstant. Mit dem wachsenden Aktienindex stellen sich die Fragen, woher der dazugehörige Schwung und die Energie kommen und wer den Energieverlust erleidet. Betrachtet man frühere wirtschaftliche Erfolge, so findet man stets Opfer – Südamerika, aufgrund der Konquistadoren; Asien, aufgrund der europäischen Kolonien. Niemand hat etwas zu verschenken und die Banken und Versicherungen brauchen viel Energie, um ihren Apparat in Betrieb zu halten. Am Beispiel der Banken sehen wir, wo die Energie herkommt. Eine deutsche Bank zahlt keine Zinsen mehr und verlangt eine von vier auf acht Euro erhöhte Gebühr für Papierüberweisungen.
  • Kapazitätsgrenzen
    Waren die Kapazitätsgrenzen früher durch die Arbeitsleistung der Mitarbeiter bestimmt, so werden die digitalisierten Geschäfte durch die Leistungsfähigkeit der Technik und die aktivierbare Aufmerksamkeit der Kunden begrenzt. Welche Rechenleistungen und Bandbreiten stehen zur Verfügung? Wie schnell können Roboter physische Dinge verarbeiten? Wie autonom handeln die künstlichen Intelligenzen? Wie wird man von den Kunden bemerkt? Wie motiviert man sie zum Kauf? Die Spekulationsgeschäfte mit Aktien und Bonds erreichen ihre Grenzen, wenn sie trotz ihrer Substanzlosigkeit zusammenbrechen – heute machen sie bereits ein Vielfaches der Realwirtschaft aus.
  • Boiled Frog Syndrom
    Die Schwierigkeit mit dem Wachstum entsteht, wenn es unbemerkt stattfindet. Das Boiled Frog Syndrom liefert dafür eine nachvollziehbare Metapher. Ein Frosch gerät in einen Topf voll Wasser, der auf einem Herd langsam erhitzt wird. Er bemerkt den Anstieg der Temperatur nicht, da die Veränderungen der Temperatur in kleinen Schritten erfolgen. Erst 40, dann 50, 60, 70, 80 Grad und der Frosch paddelt froh im Topf umher. Bei 90 Grad wundert er sich, da irgendetwas befremdlich ist. 100 Grad, das Wasser kocht. Der Forsch bemerkt das Übel, aber ist nicht mehr in der Lage sich zu retten. Das kleinschrittige Disaster wird erst bemerkt, wenn es zu spät ist. So ist es auch beim Wachstum, bis es zusammenbricht. Es gibt keine Hoffnung, dass es keinen Zusammenbruch geben wird – außer: aprés moi le deluge (nach mir die Sinnflut).
  • Das Truthahnproblem
    Die Unvorhersagbarkeit verdeutlicht Nassim Taleb in dem Buch Der schwarze Schwan am Beispiel eines Truthahns. Ein Truthahn lebt in einem Käfig. Täglich zur gleichen Zeit öffnet sich eine Klappe, eine Hand erscheint und wirft Futter hinein. Der Truthahn lernt, dass immer wenn sich jemand an dem Haken zu schaffen macht die Fütterung erfolgt. Er gewöhnt sich daran und nähert sich täglich zur bestimmten Zeit der Klappe, in der Hoffnung gefüttert zu werden. So geht das Tag für Tag bis zum vierten Mittwoch im November, dem Tag vor Thanksgiving. Dieser Tag verändert das Leben des Truthahns radikal. Wer einen Luftballon mal bis zum Platzen aufgeblasen hat, kennt die Überraschung, wenn der Ballon unerwartet mit lautem Knall platzt.

Ist es ethisch vertretbar Aktien mit dem Hinweis auf ein paar Jahre Wachstum zu empfehlen, nur weil bisher nichts passiert ist? Warum teilt uns unser gesunder Menschenverstand mit, dass dieses Wachstumsgerede falsch ist? Zur Erinnerung ein paar Namen: Nixdorf, Mannesmann, Karstadt, Lehman Brothers, American Airlines, ENRON. Da jeder seines Kontos Verwalter ist, entscheiden alle für sich, ob sie sich auf ein Spiel mit dem Wachstum einlassen. Allerdings wäre es wünschenswert, dass beim nächsten Crash nicht wieder die Allgemeinheit einspringen muss. Oder enttäuschte Anleger versuchen ihre Verluste, nachträglich zu sozialisieren. Auch wenn der Kunde Anleger Gewinn kaufen wollte, keinen Verlust, ist der Schutz des Kundeninteresses beim Spiel widersinnig – Teil des Spiels ist Verlieren. Sie bekommen, was sie bezahlt haben.

Fazit: Es ist schwer nachzuvollziehen, dass unsere Wahrnehmung bezüglich Wachstum so schlecht ausgeprägt ist. Und es kann sein, dass dieses eine natürliche Schwäche von Lebewesen ist, die sich langfristig absichern wollen und deshalb Vorräte anlegen. Dass jedoch Leute aus dieser Schwäche ihren Profit ziehen, ist verwerflich. Aus diesem Grund sollten wir jede Gelegenheit nutzen, um uns bewusst zu machen, dass es bisher kein Wachstum gibt, das ohne Grenzen wächst. Darum sollte im Nachhinein keiner für entgangene Gewinne entschädigt werden. Am Ende dienen diese Geschäfte nur den sofortigen Provisionen der Finanz- und Versicherungsmakler, die von falschen Versprechen leben. Grenzenloses Wachstum ist dabei nichts weiter als ein Verkaufsargument zum Wohle der Makler.

Boundless growth – nothing more than a sales argument

The only thing that seems to grow endlessly in the universe so far is the universe itself. And counterintuitively, it expands faster and faster. It could take longer than the Earth exists to reach the maximum, if it could at all. Otherwise everything follows the course of becoming and perishing. Everything comes into being, matures, has an effect for a certain time, and then disintegrates until it has disappeared. Let’s think of a balloon that gets bigger and bigger when we inflate it. The rubber is stretched with increasing effort. The pressure in the balloon is rising. If we do not stop adding air, we reach its maximum and with an additional waft, it inevitably bursts. The lifespan of people is too short in order to observe all lifecycles. But even without the ability to fully follow it, we observe origins and dissolutions in both small and large dimensions. Nothing provides an indication that it could grow boundlessly.

Nevertheless, banks and financial specialists sell their products with the argument that today’s growth in supply is a sure indication that they are a safe investment – after historic collapses since the tulip crisis in the 17th century or the global economic crisis of 1929 or the bailout of the banks in 2008. Although the factors that speak against it are obvious.

  • Growth needs energy from outside
    A closed system is not able to grow (see here) – within the energy remains constant. As the growing stock index, questions arise, where the required momentum and energy come from and who suffers the loss of energy. If you look at the past economic successes, you always find victims – South America, due to the conquistadors; Asia, due to European colonies. Nobody has anything to give away and banks and insurance companies need a lot of energy to keep their administration running. The example of the banks shows us where the energy comes from. A German bank no longer pays interest and demands a raised fee of four to eight Euros for paper transfers.
  • Capacity limits
    If the capacity limits were previously determined by the work performance of the employees, the digitized businesses are limited by the performance of the technology and the activatable attention of the customers. Which computing power and bandwidth are available? How fast can robots process physical things? How autonomous do artificial intelligences act? How to be noticed by the customers? How do you motivate them to buy? Speculative trades with stocks and bonds reach their limits, when they collapse despite their lack of substance – today they already account for a multiple of the real economy.
  • Boiled Frog Syndrome
    The difficulty with growth arises, when it happens unnoticed. The Boiled Frog Syndrome provides a plausible metaphor for this. A frog blunders into a pot full of water, which is slowly heated on a stove. He does not notice the increase in temperature, since the temperature change takes place in small steps. First 40, then 50, 60, 70, 80 degrees and the frog happily paddles around in the pot. At 90 degrees, he’s surprised because something is strange. 100 degrees, the water is boiling. The frog notices the evil, but is no longer able to save himself. The step-by-step disaster is only noticed, when it is too late. The same applies to growth, until it collapses. There is no hope that there will be no collapse – except: aprés moi le deluge (after me the deluge).
  • The turkey problem
    The unpredictability is illustrated by Nassim Taleb in the book The Black Swan using the example of a turkey. A turkey lives in a cage. Every day at the same time a flap opens, a hand appears and throws food into it. The turkey learns that every time someone tampers with the hook, the feeding takes place. He gets used to it and approaches the flap daily at a certain time, hoping to be fed. That’s how it goes every day until the fourth Wednesday in November, the day before Thanksgiving. This day radically changes the turkey’s life. Anyone who has inflated a balloon until it bursts is familiar to the surprise, when the balloon bursts unexpectedly with a loud bang.

Is it ethically justifiable to recommend stocks with an indication of a few years of growth, just because nothing has happened so far? Why doesn’t our common sense tell us that this growth rhetoric is wrong? Just a few names to remember: Nixdorf, Mannesmann, Karstadt, Lehman Brothers, American Airlines, ENRON. Since everybody is the master of its accounts and decides for himself whether to engage in a gamble of growth. However, it would be desirable that the general public would not have to step in again in the next crash. Or that disappointed investors try to socialize their losses afterwards. Even if the client investor wanted to buy profit, no loss, the protection of the customer’s interest in a game is absurd – part of the game is losing. They get what they paid for.

Bottom line: It is difficult to understand that our perception of growth is so poorly developed. And it may be that this is a natural weakness of living beings, who want to protect themselves in the long run and therefore build up stockpiles. But it is condemnable that people profit from this weakness. That is why we should take every opportunity to realize that there is no growth without boundaries. Therefore, no one should afterwards be compensated for lost profits. In the end, these transactions serve only to immediate commissions to financial and insurance brokers, who live on false promises. Boundless growth is nothing more than a sales argument for the good of the broker.