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Der Wilde Westen – die ideale Metapher für das Internet

Von jeher ist die Freiheit ein Kernthema der Diskurse – persönlich, gesellschaftlich, politisch, ethisch, wirtschaftlich, künstlerisch usw. Wollen wir nicht alle zwanglos unsere Interessen verfolgen, ohne dass wir durch Gesetze, Vorschriften, Richtlinien oder Ähnlichem davon abgehalten werden. Die neuen Möglichkeiten des Internets mit egal wem, egal wo und egal wann in Kontakt treten zu können haben den Begriff der Veröffentlichung, die Besitzstände der Kreativen und die etablierten Medien über Nacht ad absurdum geführt. Betrachten wir die Verantwortlichkeit und fragen wir uns, warum die Anbieter von Plattformen, d.h. die Betreiber einer Webseite, die nichts weiter als öffentlichen Speicherplatz für Daten und Navigation bereitstellen, für die dort abgelegten Inhalte haftbar gemacht werden. Eigentlich ist das so, als wäre eine Telefongesellschaft verantwortlich für die Telefonate, die Kriminelle führen, um Betrügereien durchzuführen, oder als würde man ihnen zur Last legen, dass Terroristen übers Telefon Attentate abstimmen. Die neue EU-Richtlinie bezüglich des Urheberrechts im digitalen Binnenmarkt hat eine Fülle von Problemen und Interessen sichtbar gemacht. Das Ganze erinnert stark an die Zeiten des Wilden Westens, als bei der Besiedelung ein rechtsfreier Raum dazu führte, dass sich die Stärkeren einfach gemacht haben, was sie wollten.

Am Ende ging es schon immer um den Zugriff auf wertvolle Vermögenswerte – im Wilden Westen fruchtbares Land und heute kostbare Daten, wie Texte, Bilder, Videos, Formeln usw. Die Schwierigkeiten ergeben sich aus den ähnlichen Hoffnungen der Protagonisten im Wilden Westen und im Internet.

  • Wirtschaftliche Interessen
    Der Wettlauf in den Westen wurde angetrieben durch die Aussicht auf ein neues Leben – zuerst die Jäger und Sammler, die sogenannten Trapper, dann die Siedler in ihren Planwagen, die Squatters und Rancher, und schließlich die Farmer, die dokumentierten Besitz erwarben. Das Geld lag quasi auf der Prärie.
    Auch das Internet begann 1989 mit einer einfachen Idee – Peer-to-Peer-Vernetzung im World Wide Web, Hyperlinks und standardisierte Protokolle. Parallel zu den Computern in jedem Haushalt, eroberten viele Softwareanbieter die Märkte der Browser-, E-Mail- und Anwendungsprogramme. Wer erinnert sich schon an die Zeit vor FANG (Facebook, Amazon, Netflix und Google).
    Dem Wilden Westen und dem Internet gemeinsam ist der Ausblick auf ein einträgliches Geschäft. Die wirtschaftlichen Absichten beuten ungeregelte Bedingungen des neuen Wirtschaftssektors aus.
  • Vermeintliche Grenzenlosigkeit
    Geschürt wurde die Hoffnung der amerikanischen Siedler durch die schiere Grenzenlosigkeit des Landes. Mit drei Kilometern pro Stunde bewegten sich die Trecks Richtung Westen. In Ermangelung von Besitzurkunden besetzten die Siedler das vermeintlich niemandem gehörende Land, zogen ihre Zäune und postulierten damit einen Besitzanspruch. Die eigentlichen Bewohner, die amerikanischen Ureinwohner, denen der Begriff Landbesitz unbekannt war, wurden de facto enteignet und in Reservaten eingepfercht.
    Auch das Internet war zu Beginn grenzenlos. Mit der Möglichkeit multimediale Inhalte hinterlegen und abrufen zu können, entwickelten sich langsam neue Geschäftsideen. Die ersten Tauschbörsen lehrten den Inhaltsanbietern der Film- und Musikindustrie das Fürchten. Mit den viablen B2C-Ansätzen (z.B. Freemium, Long Tail, Pay per Use) eroberten sich die Konzerne den Markt zurück. Heute binden sich die Anwender mit regelmäßigen, monatlichen Zahlungen fest an Anbieter, wie Netflix und Spotify.
    In den über zwanzig Jahren World Wide Web wurden die Urheber völlig vergessen. Die Erzeuger gehen leer aus, obwohl sie die Inhalte erstellen, die die Plattformanbieter durch Werbung und Ähnlichem zu Geld machen.
  • Fehlende Regeln
    Unser Bild vom Wilden Westen ist geprägt von bewaffneten Gesetzlosen, die Banken und Postkutschen überfallen und friedliche Bürger terrorisieren. Gleichzeitig sprechen Richter lokales Recht und Sheriffs sichern die Einhaltung nach Gutdünken. Die latente Gesetzlosigkeit hat sich aus der Ferne von der offiziellen Gerichtsbarkeit ergeben. Es galt das Recht des Stärkeren.
    Schon früh hat sich im Netz eine ähnliche Regellosigkeit gebildet, die dem neuen Medium und der fehlenden Erfahrung geschuldet ist. Das beginnt mit dem unentgeltlichen Zugang und der Wiederverwendung von Inhalten und geht bis zu dem anonymen Mobbing in sozialen Netzen. Jedoch hätte sich das Internet ohne die Offenheit, zwar mit den guten und schlechten Folgen für bestimmte Personen, nicht so schnell weltweit verbreitet.
    Unterschiedliche Kulturen und Rechtssysteme haben die Einführung von verbindlichen Rechten und Pflichten behindert. Vor allem für die Generationen Y und Z ist die Notwendigkeit die Schöpfer von Inhalten zu vergüten schwer zu verstehen, da sie auf die Inhalte offensichtlich umsonst zugreifen können.
  • Rücksichtslose Ausbeutung
    Vor der Besiedelung des Westens zogen Millionen von Büffeln durch die Prärie. Den amerikanischen Ureinwohnern lieferten die Bisons Nahrung, Kleidung und die Grundlagen für die Herstellung von Werkzeugen und Zelten. Die Jäger dieser Zeit töteten nur so viele Bisons, wie sie alltäglich brauchten. Die Büffel wurden schließlich für die Massenproduktion von Stiefeln und zur Versorgung der Arbeiter bei dem Bau der Eisenbahn fast vollständig ausgerottet.
    Zu Beginn des Internets tummelten sich überall Computernerds, die die Einsatzmöglichkeiten ausloteten. Mit der Vernetzung lösen sich die geografischen Entfernungen auf und jede angeschlossene Region der Welt ist mit einem Mausklick Teil des Ganzen. Die Digitalisierung der Bücher, Musik und Filme ermöglicht das Kopieren von urheberrechtlich geschützten Produkten, ohne dass die Urheber dies kontrollieren können. Nutznießer sind nicht nur die üblichen Vertriebe, sondern auch Plattformen, die ihre Vorteile aus Anwenderdaten und Vermittlungsprovisionen ziehen.
    Heute umgehen Anbieter im Internet die Vorgaben der Kultur-, Logistik-, und Tourismusbranchen – Amazon verdrängt lokale Buch- und Schallplattenläden nicht als Buchhändler, sondern als Logistikanbieter; Uber bietet Personentransporte außerhalb der gesetzlichen Regelungen; Airbnb vermittelt private Übernachtungen ohne die Verpflichtungen der Hotelbranche.

Fazit: Die wirtschaftlichen Interessen, die vermeintliche Grenzenlosigkeit, fehlende Regeln und die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen ähneln sich bei der Erschließung des Wilden Westens und beim World Wide Web. Das macht den Wilden Westen zur idealen Metapher für das Internet.

P.S.: Es ist wichtig, dass die Inhalteanbieter ihren wirtschaftlichen Anteil erhalten und gleichzeitig die Anwender einen Zugang zu Informationen behalten – ohne Überbürokratisierung, d.h. ohne den Regelwahn, der das eigentliche Arbeiten behindert. Dabei muss die Vergütung von geistigem Eigentum sichergestellt sein, da es ansonsten keine neuen Inhalte mehr gibt.

The American Frontier – the ideal metaphor for the Internet

Freedom has always been a central topic of discourses – personal, social, political, ethical, economic, artistic, etc. Don’t we all want to casually pursue our interests without being prevented by laws, regulations, guidelines or the like. The new possibilities of the Internet to get in touch with anyone, anywhere and at any time have led overnight the meaning of publication, the possessions of creative people and the established media ad absurdum. Let’s look at the responsibility and ask yourself, why the platform providers, i.e. the operators of websites, who provide users with nothing more than public storage space for data and navigation, are held liable for the stored content. In fact, it is as if a telephone company is responsible for the phone calls that criminals use to commit fraud, or as if they are accused of having terrorists coordinate their assaults by phone. The new EU Directive on copyright in the Digital Single Market has highlighted a wealth of problems and interests. The whole thing recalls strongly the days of the American Frontier, when, during the settlement, a legal vacuum created the situation that the stronger simply did whatever they wanted.

In the end, it has always been about access to valuable assets – fertile land in the American Frontier and precious data nowadays, such as texts, images, videos, formulas, etc. The difficulties arise from similar hopes of the protagonists in the American Frontier and on the Internet.

  • Economic interests
    The run to the west was driven by the prospect of a new life – initially the hunters and gatherers, the so-called trappers, then the settlers in their covered wagons, the squatters and ranchers, and finally the farmers who acquired documented property. The money was practically growing on the prairie.
    The Internet also began in 1989 with a simple idea – peer-to-peer networking on the World Wide Web, hyperlinks and standardized protocols. Parallel to the computers in each household, many software vendors conquered for the markets of browsers, email and application programs. Who remembers the time before FANG (Facebook, Amazon, Netflix and Google)?
    Common to the American Frontier and the Internet is the prospect of a lucrative business. The economic intentions exploit unregulated conditions of the new economic sector.
  • Assumed boundlessness
    The hope of the American settlers was fueled by the sheer boundlessness of the country. With three kilometers per hour, the treks were heading west. In the absence of deeds of ownership, the settlers occupied the land that supposedly belonged to nobody, putted up their fences and thus postulated a claim of ownership. The actual inhabitants, the Native Americans, for whom the term land tenure was unknown, were de facto expropriated and penned in reservations.
    At the beginning, the Internet was also boundless. With the possibility to store and retrieve multimedia content, new business ideas slowly evolved. The first file-sharing platforms putted the fear of God into the content providers of the film and music industry. With the viable B2C approaches (e.g. Freemium, Long Tail, Pay per Use), the corporations recaptured the market. Today, users commit themselves to providers such as Netflix and Spotify with regular, monthly payments.
    In over twenty years of the World Wide Web, the authors were completely forgotten. The creators come away empty-handed, although they create the content that the platform providers turn into money through advertising and the like.
  • Missing rules
    Our image of the American Frontier is coined by armed outlaws, who raid banks and stagecoaches and terrorize peaceful citizens. At the same time, judges speak local law and sheriffs ensure compliance as they think best. The latent lawlessness rose from the distance to the official jurisdiction. The law of the fittest was applied.
    A similar lack of rules formed in the beginning of the Internet, which is due to the new medium and greenness. This goes from free access and reuse of content to anonymous bullying on social networks. But the Internet would not have globally spread so quickly without the openness, even though with good and bad consequences for certain persons.
    Different cultures and legal systems have hindered the introduction of binding rights and obligations. Especially for the generations Y and Z, the need of rewarding content creators is hard to understand, as they obviously access content for free.
  • Ruthless exploitation
    Before the colonization of the West, millions of buffalos roamed the prairie. The bison provided the American Natives with food, clothing and the basis for making tools and tents. The hunters of that time only killed as many bison’s, as they needed per day. The buffalos were eventually almost completely exterminated for the mass production of boots and for the supply of the railway workers.
    In the dawn of the Internet, computer nerds were everywhere romping around and trying out possible applications. With networking, the geographical distances dissolve and each connected region of the world is part of the whole with just a mouse click. The digitization of books, music and films makes it possible to copy products protected by copyright without the opportunity that the authors control the use. Beneficiaries are not only the usual distributors, but also platforms that benefit from the use of data and broker commissions.
    Today, Internet providers bypass the requirements of the cultural, logistics and tourism industries – Amazon is replacing local book and record stores not as a book store but as a logistics company; Uber offers passenger transport outside the legal regulations; Airbnb arranges private overnight stays without the liability of the hotel industry.

Bottom line: The economic interests, the assumed boundlessness, the lack of rules and the ruthless exploitation of resources are similar in the development of the American Frontier and the World Wide Web. This makes the American Frontier the ideal metaphor for the Internet.

P.S.: It is important for content providers to receive their economic share and at the same time for users to retain access to information – without over-bureaucratization, i.e. without the regulatory mania that hampers actual work. The remuneration of intellectual property must be ensured, otherwise there will be no new content.