Archiv der Kategorie: Kommunikation

Kommunikation besteht aus Wahrnehmung, Denkmodellen und Kommunikationsverhalten.

Kultur – die wesentliche Informationsblase

Der Blick auf Kulturen erfolgt stets aus dem individuellen Blickwinkel der eigenen Herkunft. Zur Beschreibung werden Wörter, Assoziationen und Überzeugungen genutzt, die unbewusst durch die Kultur bestimmt sind, in der man aufgewachsen ist. Das beginnt mit der gefilterten Aufmerksamkeit, die nur die Gesichtspunkte bemerkt, an die sich die Betrachter gewöhnt haben – stehen Einzelne oder Gruppen im Mittelpunkt? Das geht weiter mit dem Weltbild, das Erklärungsmuster für die beobachteten Sachverhalte liefert, z.B. religiöse oder weltliche Überzeugungen. Für die Beschreibung stehen die Worte zur Verfügung, die in dem beobachtenden Kulturkreis üblich sind, z.B. die Lesart von Begriffen wie Freiheit, Arbeit, Staat. Folgt dann noch eine Handlung, so orientiert sich diese an den Möglichkeiten der eigenen Gesellschaft, z.B. Gefängnis- vs. Prügelstrafen. Schon Ludwig Wittgenstein hat gesagt: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Damit wird unsere persönliche Kultur zur wesentlichen Informationsblase.

Die folgenden Beispiele sind kulturelle Dimensionen, die diese Informationsblase zusammenhalten.

  • Sozialisation
    Ein Schwerpunkt des Hineinwachsens in die Welt ist die soziale Ausrichtung auf sich selbst versus auf die eigene Gruppe. Die Betonung von Unabhängigkeit und der eigenen Bedürfnisse macht dabei die individualistische Orientierung aus. Steht hingegen die Gruppe im Mittelpunkt, dann bestimmt die Zugehörigkeit und die Unterordnung der eigenen Interessen unter die der Gruppe die eigene Identität.
    Treffen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander, dann konzentrieren sich die Beteiligten auf ihre erlernten Normen. Während beispielsweise die Kollektivisten den Wunsch nach persönlichem Freiraum nicht erkennen, entgeht den Individualisten das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit. Dieser blinde Fleck bleibt erhalten durch einen stetigen Austausch von bereits bekannten Ideen. Die Sozialisation stabilisiert die gegen Andersartigkeit abgeschottete Informationsblase und führt zu den bekannten Ausgrenzungen – z.B. Xenophobie, Nationalismus, Rassismus.
  • Hierarchie
    Das Verhältnis der Menschen zueinander wird wesentlich bestimmt durch das Verständnis von der Stellung, dem Einfluss und den Zuständigkeiten. Hierarchische Gesellschaften akzeptieren schnell den Machtanspruch und die Entscheidungen von Übergeordneten. Gleichzeitig bietet diese Sicht eine Entlastung von Verantwortung, da einem die hochrangigeren Personen naturgemäß die Verantwortung abnehmen. Egalitäre Gesellschaften, die eine flache Hierarchie mit gleichrangigen Gruppenmitgliedern praktizieren, stehen Machtansprüchen skeptisch gegenüber. Da sie sich auf Augenhöhe begegnen, verstehen sie nicht, dass sie ungefragt vor vollendete Tatsachen gestellt werden und dann noch engagiert mitmachen sollen. Das Verständnis und die Akzeptanz einer Schichtung der Gesellschaft und die damit verbundenen Rollen können schnell zu Spannungen zwischen unterschiedlichen Kulturen führen – z.B. fehlender oder zu viel Respekt, geforderte Entscheidungsfreude.
  • Zeit
    Unterschiede in der Kultur werden oft an dem Umgang mit Zeit festgemacht. Dies beginnt mit der Einteilung von Zeit in feste Abschnitte oder fließende Übergänge. Mit der Einführung von immer genaueren Uhren konnte der Tag immer feiner in Zeitabschnitte aufgeteilt werden. Trotzdem unterscheiden sich Kulturen in dem Umgang mit Terminen – z.B. Pünktlichkeit, Dauer, Termintreue. Dazu gehört auch die gleichzeitige Nutzung der Zeit für eine oder mehrere Aufgaben – z.B. Multitasking, Singletasking. Stark verinnerlicht ist die Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So legen vergangenheitsorientierte Menschen Wert auf Erfahrung und eingeführte Vorgehensweisen. Im Hier und Jetzt geht es um kurzfristige, schnelle Ergebnisse. Zukunftsorientierte interessieren sich nicht für Bestehendes und Quick-wins, sondern für langfristige, nachhaltige Ergebnisse. Man kann den Blick auf die Zeit bei sich und anderen einfach mit den folgenden Fragen ermitteln: Wo sehen Sie die Zukunft? Wo zeigen Sie hin, wenn Sie auf die Vergangenheit hindeuten wollen? In den meisten Teilen der Welt hat es sich durchgesetzt, dass wir die Zukunft vor uns finden und dass wir nach hinten in die Vergangenheit zeigen. Es gibt jedoch tatsächlich Völker, bei denen es genau umgekehrt ist. Die Vergangenheit findet sich sichtbar vor ihnen und die Zukunft liegt unsichtbar in ihrem Rücken. Das kulturbedingte Zeitgefühl führt zu gefilterten Berichten, die andere Zeitwahrnehmungen ausblenden.

Fazit: An den wenigen Beispielen sollte klar werden, dass wir alle in einer Informationsblase schweben, die uns den Blick auf andere Bereiche verzerrt oder zumindest belastet. Unsere Sozialisation hat uns zu Persönlichkeiten werden lassen, die von der Umwelt geprägt sind. Die Verantwortlichkeit wird dabei bestimmt von unserem Hierarchieverständnis. Der Umgang mit Zeit bestimmt die Blickrichtung der Informationsblase. Sprechen wir also heute von der Informationsblase und alternativen Fakten, so ist dies nicht unbedingt ein Thema von Populisten, sondern ein notwendiges Verständnis von kulturellen Unterschieden. Lange vor der politischen Meinungsmache von Lobbyisten sind wir bereits gefangen in unserer kulturellen Informationsblase. Wir überwinden die Begrenzung nur, wenn wir uns bemühen aus ihr auszubrechen sowie uns offen und tolerant gegenüber Unbekanntem und Befremdlichen verhalten. Die Prägung durch die Kultur ist die wesentliche Informationsblase, die uns beschränkt.

Spielregeln – die ideale Metapher für die Bestandteile der Governance

Allen Mannschaftssportarten sind die Spielfläche, die Spielertypen und die Spielregeln gemeinsam. Aus den Anfängen des Fußballs in China, vor 4000 Jahren, sind die Regeln nicht überliefert. Man geht jedoch davon aus, dass es sich zu Beginn um ein Ausbildungsprogramm für Soldaten gehandelt hat. Von vor weniger als 1800 Jahren sind Regeln bekannt, die die physischen Kräfte der Spieler unter Kontrolle bringen sollten. Für über tausend Jahre geriet dann das Spiel in Europa in Vergessenheit. Der Neustart 1848 begann sofort mit dem Aufstellen von Fußballregeln, die bis heute verfeinert werden. Sie beinhalten eine bestimmte Kultur, die Aufteilung des Spielfeldes, allgemeingültige Kenngrößen und Möglichkeiten zur Sanktionierung sowie klare Rollen. Das eigentliche Spiel entwickelt sich innerhalb dieses Rahmens in spannenden Varianten – genau wie das Geschehen im Unternehmen im Rahmen der Governance. Dieser Text erweitert auch den  Zweck der Governance!

Die Governance bietet folgende Bestandteile: die Prinzipien, die Unternehmensabstimmung, verschiedene Festlegungen und vor allem definierte Rollen.

  • Prinzipien
    Im Fußball sind die allgemeinen Prinzipien das Fair Play, das Einhalten der Regeln sowie die offensiven und defensiven Strategien. Im Geschäftsleben definieren sie die Kultur und das Selbstverständnis einer Firma. Sie sollten Antworten auf die folgenden Fragen liefern: Wo sind wir in 10 Jahren? Was sind unsere Eigenschaften? Woher kommen wir? Was ist unsere Geschichte? Warum gibt es uns? Was ist unser Zweck? Was macht uns erfolgreich? Was ist unser USP? Wie sehen wir uns? Was sind unsere Werte und Glaubenssätze? Was sind Eigenschaften unserer Produkte? Die Prinzipien verhalten sich wie der Zement, der den Mörtel so stabilisiert, dass er zusammenhält.
  • Unternehmensabstimmung
    Die Mannschaften stimmen sich ab, welche Hälfte des Spielfelds welchem Team zugeordnet wird. Das Ziel ist es, beim Gegner ein Tor zu schießen. Auch im Business stimmen sich die Bereiche des Unternehmens ab – gefördert durch die Leitung. Die folgenden Aspekte sind wichtig: Was ist der Zweck der Einheit? Wie erfolgt die Verständigung? Wie arbeitet man zusammen? Welche Rollen (AKV) gibt es? Wie wird das Einverständnis eingeholt? Die Abstimmung ist wie das Mischungsverhältnis von Sand, Kalk und Wasser, das von dem jeweiligen Einsatz abhängt.
  • Glossar
    Die verschiedenen Sportarten verfügen über umfassende, spezielle Jargons, den man lernen muss. Auch das Geschäft nutzt einen besonderen Wortschatz. Der Glossar bestimmt diese Terminologie der Firma. Hierfür sind die folgenden Fragen wichtig: Welche Begriffe sind entscheidend für das Zusammenwirken? Wie erhält man klare Formulierungen? Wie stellt man die Vollständigkeit sicher? Wann ist der Begriff korrekt beschrieben? Auch der Mörtel besteht aus einem Satz von Fachbegriffen, die die Varianten (z.B. Mauer- oder Putzmörtel) sowie die Bestandteile (z.B. Sand, Kalkhydrat) beschreiben.
  • Kritische Erfolgsfaktoren (KEF)
    Das Spiel wird von Faktoren bestimmt, die der Trainer durch intensive Vorbereitung verbessern will, z.B. Pässe, Torabschluss und andere Standardsituationen. Im Geschäft beschreiben die KEFs die Kennzahlen des Erfolgs, die für das Überleben wichtig sind und die eigene Position verbessern. In den folgenden Bereichen können bedrohliche Aspekte gefunden werden: bei den Abläufen, im Markt, bei den Kunden, bei den eingesetzten Technologien, in der Information, in der Führung usw. Selbst bei Mörtel ist es wichtig auf bestimmte KEFs zu achten, wie z.B. die Außentemperatur oder das Verhältnis der Mischung.
  • Metrik
    In Mannschaftsspielen sind die erzielten Punkte, z.B. durch Tore oder Körbe, die entscheidende Messgröße. Die umfassenderen Metriken im Geschäft stellen dafür generische Messgrößen zur Verfügung. Mithilfe einer Balanced Scorecard werden die Wachstums-, Kunden- und Finanzperspektiven sowie die interne Perspektiven mit dem Status des Lebenszyklus, den Abläufen, der Qualität und der Governance beschrieben. Die wesentlichen Metriken des Mörtels sind beispielsweise die einzelnen Mischungen des Mörtels.
  • Richtlinien
    Die Spielregeln im Fußball gelten weltweit und entwickeln sich weiter, wie man am Videoschiedsrichter sehen kann. Die Richtlinien im Unternehmen sind umfangreicher, umfassen alle grundlegenden Regelungen und sind allen Mitgliedern der Einheit erreichbar. Desto älter ein Unternehmen, desto mehr Regularien haben sich angesammelt bzgl. Organisation, Personal, Berichtswesen, Gesetze, Werte und der Steuerung von IT, Risiken und Änderungen. Genauso bestimmen unterschiedliche Anwendungsfälle die Zusammensetzung des Mörtels.
  • Rollen
    Stürmer, Torwart, Schiedsrichter und Linienrichter sind ein Auszug der Rollen im Fußball. Im Geschäftsleben stellen die Rollen einen generischen Ansatz für individuelle Arbeitsbeschreibungen zur Verfügung. Sie bestehen aus Aufgaben, Kompetenz und Verantwortung. Aufgaben sind gut beschrieben, wenn die Funktionen, Ziele, Prozesse und verfügbaren Ressourcen klar sind. Die Kompetenz regelt die Befugnisse bzgl. Entscheidung, Kontrolle, Information usw. Die Verantwortung beschreibt die zu erfüllenden Qualitäten, wie z.B. Vollständigkeit, Korrektheit oder Termintreue. Bei der Nutzung von Mörtel kommen ebenfalls unterschiedliche Rollen zum Einsatz: Maurer, Betonmeister, Poliere usw.

Fazit: Die Governance bietet mit den Prinzipien, der Unternehmensabstimmung, allgemeinen Festlegungen und den Rollen eine einfache Grundlage für das Zusammenwirken der verschiedenen Bereiche. Spielregeln, wie im Fußball, bieten ähnliche Festlegungen durch z.B. das abgesteckte Spielfeld und die Rollen der verschiedenen Beteiligten. Aus diesem Grund ist die Spielregel eine ideale Metapher für die Bestandteile der Governance.