Archiv der Kategorie: Kommunikation

Kommunikation besteht aus Wahrnehmung, Denkmodellen und Kommunikationsverhalten.

Sehen heißt glauben

Aus gutem Grund haben Religionen die Tendenz Bilder zu verteufeln. Der Glaube wird durch Information bedroht. Bildliche Darstellungen haben die Kraft Menschen zu überzeugen, dass das, was sie sehen, die Wirklichkeit sei. Es begann mit Symbolen und Zeichnungen, die in den dunkelsten Ecken von Höhlen, vermutlich bei Fackelschein, an die Wand gemalt wurden. Das ging weiter mit den Darstellungen von Göttern und heiligen Geschichten, die an magischen Orten gesehen werden konnten. Dann hielt die Malerei Einzug in private Häuser. Da jedes Bild ein einmaliges Kunstwerk war, konnten nur wenige sich diesen Luxus leisten. Erst mit der Druckerpresse und der Fotografie kamen alle in den Genuss dieser neuen Weltsicht. Mit dem Film und Fernsehen schließlich wurden Bild und Ton für die meisten Menschen einfach empfangbar. Parallel hat sich die Überzeugung entwickelt, dass das, was man sieht, auch wirklich ist – „Sehen heißt glauben“.

Das Bild wird jedoch durch Bedingungen bestimmt, die verhindern, dass man die Wirklichkeit auch wirklich zu Gesicht bekommt. Die drei folgenden Aspekte spielen dabei eine große Rolle.

  • Bildgestaltung
    Ein Foto zwängt die Motive aus seiner multisensualen Welt in einen zweidimensionalen Rahmen. Außerhalb des Bildrandes, rechts oder links, oben oder unten, ist kein Bestandteil des Bildes und damit unsichtbar. Der Einsatz eines Weitwinkelobjektivs reißt den Zusammenhang auseinander. Das Teleobjektiv verdichtet verteilte Objekte und erzeugt den Eindruck von Nähe. Der Filmtyp (Schwarz-Weiß- oder Farbe) erzeugt zusätzlich Stimmungen. Die entsprechende orangene Tönung erzeugt den Eindruck der Siebziger. Am Ende zeigt der Bildermacher nicht die Wirklichkeit, sondern er erzeugt sie durch seine gestalterischen Möglichkeiten.
  • Kontext
    Die Umgebung, in der das Bild präsentiert wird, erzeugt zusätzliche Bedeutung. Die Aufnahme eines rollenden Panzers in einem Artikel über die Invasion in einem Land oder in einem Bericht über die Befreiung einer Region löst einen jeweils entsprechenden Eindruck aus. Obwohl es das gleiche Foto ist, wird es unterschiedlich bewertet. Ähnliche Motive werden ebenfalls verschieden gedeutet. Eine Gruppe von Menschen, die mit Koffern und Kindern an der Hand über einen Feldweg laufen, können unterschiedliche Gefühle wecken – je nachdem, ob es sich um Flüchtlinge aus Syrien oder der ehemaligen DDR handelt.
  • Zensur
    Und schließlich bestimmen die Kontrollorgane eines Landes oder einer Zeitung, was man zu Gesicht bekommt – oder nicht. Sobald eine Entscheidung für eine Veröffentlichung erforderlich ist, beginnt die Überwachung. Die Kriterien spielen dabei keine Rolle, da den möglichen Betrachtern die Entscheidung abgenommen wird – aus Gründen der Güte eines Bildes (z.B. ungeschickte Perspektive oder Unschärfe), fehlendem Gehalt des Fotos, angenommenem fehlenden Interesse, oder aber um unerwünschte Sachverhalte zu verbergen, ein kritischer Blickwinkel, Botschaften, oder Wahrheiten. Die Zensur ist bereits akzeptierte Praxis. Das beginnt bei den Regeln für guten Journalismus und endet sicherlich nicht bei den integrierten Journalisten (embedded journalists), die von einer Militäraktion berichten – keiner stört sich an der dem Einfluss der Militärs auf die Veröffentlichung.

Die Beeinflussbarkeit von Bildern ist keine Errungenschaft des heutigen Fotoshopzeitalters. Immer schon wurden Bilder verfälscht. Die Abbildung zeigt beispielsweise, wie Stalin mit in Ungnade gefallenen Genossen umging. Er ließ sie einfach aus den Bildern herausretuschieren. Die Medien suggerieren Neutralität, wenn sie von der Filterblase oder von populistischer Berichterstattung sprechen. Schaut und hört man genau hin, so fallen in jeder Nachrichtensendung die tendenziösen Untertöne auf. Da helfen auch keine sogenannten neutralen Fakten-Checks mehr.

Fazit: Was man auf einem Foto sieht, ist immer das Ergebnis des Herausfilterns eines oder mehrerer Aspekte. Dies erfolgt bewusst oder unbewusst, mit den besten Hintergedanken oder böswillig, den Betrachter unterstützend oder behindernd. In jedem Fall wirken die Filter, die die Wirklichkeit verfälschen. In Abwandelung eines bekannten Spruchs: Man kann Bilder nicht nicht verfälschen. Ein Indikator, der sich aber nur schwer prüfen lässt, ist die Herkunft der Bilder – sofern man diese ermitteln kann. Es gibt also keinen Grund irgendetwas zu glauben, sobald man es sieht.

Form folgt dem Lebenszyklus

Der Weg von der Idee zum fertigen Text, mit all seinen Abbildungen und Formatierungen, durchläuft in vielen Fällen einen ähnlichen Ablauf – durchdenken, thematisieren, konzipieren, formulieren, formatieren. In jedem Schritt sind besondere Formate erforderlich. Ist der Gedanke noch nicht zu Ende gedacht, dann macht eine Reinschrift noch keinen Sinn. Bereitet man die Formatierung vor, so reicht eine Skizze nicht mehr. Damit folgt die gerade benötigte Form immer dem Status im Lebenszyklus eines Textes.

Die folgenden Schritte zeigen ein paar Beispiele.

  • Reden
    Reden ist das passende Format, um eine Idee mit anderen zu teilen. Dabei werden erstmalig die Worte gefunden, die die Gedanken ausdrücken. Beim Reden entwickelt sich die Argumentation durch die Rückfragen der Zuhörer. Dies schärft den Einfall.
    Solange sich die Vorstellung noch nicht gefestigt hat, ist die ausgefeilte Erklärung noch nicht hilfreich, da die Gliederung noch nicht vorliegt.
  • Skizzieren
    Die gefundenen Worte können jetzt gesammelt und in Beziehung gesetzt werden. Dadurch entsteht langsam eine Skizze des ursprünglichen Einfalls. Jetzt ist ein guter Moment, um sich um den Wortschatz zu kümmern, der den Inhalt weiter auf das Gewünschte konzentriert.
    Eine Mindmap ist ein wirksames Werkzeug, um die Elemente zu sortieren und ein erstes Bild der Gliederung zu erhalten.
  • Entwerfen
    Auf Basis der Skizze kann jetzt die Rohfassung des Textes erstellt werden. Hier wird die Gestalt des Skripts erarbeitet. Es erscheinen die Überschriften, ein erster Rhythmus der Absätze und Ideen für die Illustrationen.
    Spätestens jetzt ist der Einsatz einer Textverarbeitung von Vorteil. Wenn hier bereits allgemeine Formate für die Überschriften, Absätze und Bilder vorliegen, erleichtert dies in der Folge die Arbeit, auch wenn es sich nicht um die finalen Formate handelt.
  • Ausarbeiten
    Irgendwann beginnt die Ausarbeitung der finalen Texte und Bilder. Dabei werden die inhaltlichen, roten Fäden, z.B. welche Metaphernfelder oder welchen durchgängigen Illustrationsstil (z.B. Photos, Grafiken, Karikaturen) man nutzen möchte, abschließend festgelegt. Ab jetzt werden die Inhalte auf die Goldwaage gelegt und in den endgültigen Zustand gebracht.
    Noch befindet man sich nicht in dem geplanten Format. Die endgültigen Inhalte sollten aber zu über 95% ausformuliert und gestaltet vorliegen.
  • Formatieren
    Um abschließend zu formatieren muss das Zielformat entschieden werden – A4-PDF, E-Book, Druckbuch (A5, Standardbuch, Textbuch A4). Daraus ergeben sich die Vorgaben des abschließenden Formats. Die Fußzeilen, Querverweise, Ränder sowie das Impressum, Klappentexte usw. brauchen jetzt den endgültigen Text.
    Man sieht zum ersten Mal, wie der Endzustand aussehen wird. Mit diesem Format führt man die abschließenden Prüfungen und letzte inhaltliche Änderungen durch.

Bei der Vervielfältigung gibt es keinen Weg zurück. Es fallen die einzelnen, nur noch mit viel Aufwand anpassbaren Exemplare aus der Druckmaschine heraus. Änderungen können nur noch durch Überkleben der falschen Stellen, durch Nachlegen von Seiten oder bei der nächsten Auflage eingebaut werden  Je nach Auflage benötigen die vorgelagerten Schritte mehr oder weniger Genauigkeit.

Der größte Fehler, der im Ablauf gemacht werden kann, ist das Überspringen eines Schrittes. Wenn beispielsweise bei der Entwicklung einer Abbildung keine Skizzen angelegt, sondern sofort Reinzeichnungen gemacht werden. Oder, wenn in Ermangelung von Ideen zu einem frühen Zeitpunkt die Formate vorbereitet werden. Niemand entwickelt ein Konzept von Grund auf mit dem finalen Inhalt und in einem Rutsch. Die Formate behindern den freien Fluss der Gedanken.

Fazit: Jeder Schritt in der Entwicklung von neuen Themen hat ein geeignetes Format. Vom Reden, über das Skizzieren, Entwerfen und Ausarbeiten, bis zum Formatieren und der abschließenden Vervielfältigung gibt es jeweils eine Form. Das Gespräch fördert das Kneten der eigenen Gedanken; die Skizze schafft die Gliederung unbelastet von verwickelten Formulierungen; die Ausarbeitung des Themas wird durch eine entsprechende Textverarbeitung erleichtert; die meisten Programme unterstützen alle Möglichkeiten der Formatierung.
Wird ein Format zu früh im Ablauf genutzt, dann bremst das die Entwicklung. Die inhaltliche Ausarbeitung ist die Pflicht, das Format ist die Kür. Darum: Die Form folgt dem Status im Lebenszyklus eines Textes – und nicht der Text dem Format.