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Wörter mit Bedeutung aufladen

In Zeiten des Populismus werden Wörter mit Bedeutung aufgeladen. Eigentlich entsteht die Bedeutung eines Wortes im Kopf des Lesers oder Hörers, die eine Botschaft mit ihren Gedanken verbinden und so ihr persönliches Verständnis entwickeln. Diese Wirkung kann jedoch durch weitere Informationen gezielt verfälscht werden. Besonders spezialisierte Sprachjongleure, die dem Zuhörer suggerieren, dass sie wissen, was gemeint ist, erzeugen so ihre eigenen Botschaften. Durch diese Einflüsse wird das Publikum entmündigt und entsprechend der Gesinnung des Vortragenden manipuliert.

Wie laden sie Wörter mit Bedeutung auf?

  • Verfälschte Absichten unterstellen
    Der direkte Weg zu einer neuen Bedeutung ist es den ursprünglichen Sprechern oder Schreibern bestimmte Absichten zu unterstellen. Darauf aufbauend zitiert man Beispiele, die, durch die vorbereitete Rahmensetzung, die angestrebte Manipulation erzeugen. Was immer ursprünglich gesagt wurde, ist weg. Beispiel: Mit der Aussage „Der Autor wollte uns damit sagen, dass …“ definiert der Kommentator eine neue Bedeutung. Man sollte auf solche Behauptungen besonders achten, weil sie ein Zeichen für eine Verzerrung der Bedeutung sein könnten.
  • Den Kontext verschieben
    Weniger offensichtlich ist die Verschiebung des Kontexts. Indem man die Aussagen einer bestimmten Gruppe zuschreibt oder sie in einen historischen Rahmen stellt, ergeben sich neue Möglichkeiten der Auslegung. Da sich Wörter in einem kontinuierlichen Wandel befinden, kann es sein, dass man in der Geschichte eine negativ beladene Zeit findet. Der Inhalt erhält dadurch eine neue begriffliche Grundlage, die die ursprüngliche Aussage verfälscht. Der Kontextwandel erzeugt eine neue Bedeutung.
    Beispiel: Die Aussage „Wir sind das Volk“ erzeugt im Zusammenhang des Jahres 1989 in Deutschland eine andere Bedeutung als bezogen auf das Jahr 2014. Es ist hilfreich, auf den Kontext zu achten.
  • Uminterpretation durch mehrdeutige Synonyme
    Worte sind oft mehrdeutig – z.B. Der Schritt durch einen Flügel des Eingangs brachte ihn in den hinteren Flügel des Gebäudes, wo ein Flügel aus dem Hause Steinway steht. Inhalte können in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, indem entsprechende Synonyme genutzt werden, die wiederum über ein weites Feld der Interpretation verfügen. Dies kann mit mehreren Wörtern gleichzeitig oder hintereinander erfolgen. Beispiel: Die Aussage „Durch Transparenz der Erwartungen hat man mehr Vorteile“ wird durch andere Wörter verzerrt „Durch klare Sicht auf die Bedürfnisse baut man die eigenen Gewinne aus.“ Die Wortwahl sollte stets hinterfragt werden.
  • Versteckt widersprechen
    Geschickt ist es die Interpretation nicht konkret auszusprechen, sondern sokratisch mit einer anderen Interpretation zu widersprechen. Dies suggeriert eine neue Bedeutung, ohne sie explizit zu machen. Beispiel: „Ehrlichkeit ist die Grundlage für Kommunikation.“ wird widersprochen, ohne konkret zu werden, indem man sagt „Die eigene Einstellung sollte nie einen Nachteil ergeben bei wechselseitigem Handeln.“ Es ist geschickt sich nicht durch Widerspruch ablenken zu lassen von dem, gegen das tatsächlich Einspruch erhoben wird.
  • Wertende Überschriften
    Die angenommene Unparteilichkeit von Nachrichten verstärkt Aussagen zusätzlich, indem beispielsweise einzelne Aspekte betont werden. So bereitet ein Titel die Leser auf den sachlichen Inhalt einer Nachricht vor. Leider geht dabei schnell die unvoreingenommene Information verloren. Beispiel: Mit dem Titel „Gewalt gegen Journalisten bei Pegida-Demo“ legt man den Schwerpunkt auf die Demonstranten, wogegen „Dutzende Festnahmen bei Demonstrationen in Moskau“ wohl eher auf die Polizei abzielt. Ein Blick auf die beteiligten Parteien sowie die bevorzugte oder beschuldigte Seite lohnt sich immer.

Fazit: Am Ende des Tages ist es nicht möglich zu wissen, was jemand ursächlich meint. Dadurch sind alle Kommentare zu den Beiträgen von Anderen vor allem Ausdruck des Auslegers. Trotzdem wird der Eindruck erweckt, dass es eine bestimmte, richtige Auslegung gibt. Dabei erfolgen dann Unterstellungen, Verschiebungen des Kontexts, Uminterpretationen durch doppeldeutige Synonyme, das verdeckte Widersprechen von Sachverhalten und wertende Überschriften. Auf diese Weise laden Dritte, Kommentatoren und Kritiker, jede Botschaft von anderen mit einer Bedeutung auf, die nicht unbedingt der ursprünglichen Absicht entspricht. Aufpassen!

Sehen heißt glauben

Aus gutem Grund haben Religionen die Tendenz Bilder zu verteufeln. Der Glaube wird durch Information bedroht. Bildliche Darstellungen haben die Kraft Menschen zu überzeugen, dass das, was sie sehen, die Wirklichkeit sei. Es begann mit Symbolen und Zeichnungen, die in den dunkelsten Ecken von Höhlen, vermutlich bei Fackelschein, an die Wand gemalt wurden. Das ging weiter mit den Darstellungen von Göttern und heiligen Geschichten, die an magischen Orten gesehen werden konnten. Dann hielt die Malerei Einzug in private Häuser. Da jedes Bild ein einmaliges Kunstwerk war, konnten nur wenige sich diesen Luxus leisten. Erst mit der Druckerpresse und der Fotografie kamen alle in den Genuss dieser neuen Weltsicht. Mit dem Film und Fernsehen schließlich wurden Bild und Ton für die meisten Menschen einfach empfangbar. Parallel hat sich die Überzeugung entwickelt, dass das, was man sieht, auch wirklich ist – „Sehen heißt glauben“.

Das Bild wird jedoch durch Bedingungen bestimmt, die verhindern, dass man die Wirklichkeit auch wirklich zu Gesicht bekommt. Die drei folgenden Aspekte spielen dabei eine große Rolle.

  • Bildgestaltung
    Ein Foto zwängt die Motive aus seiner multisensualen Welt in einen zweidimensionalen Rahmen. Außerhalb des Bildrandes, rechts oder links, oben oder unten, ist kein Bestandteil des Bildes und damit unsichtbar. Der Einsatz eines Weitwinkelobjektivs reißt den Zusammenhang auseinander. Das Teleobjektiv verdichtet verteilte Objekte und erzeugt den Eindruck von Nähe. Der Filmtyp (Schwarz-Weiß- oder Farbe) erzeugt zusätzlich Stimmungen. Die entsprechende orangene Tönung erzeugt den Eindruck der Siebziger. Am Ende zeigt der Bildermacher nicht die Wirklichkeit, sondern er erzeugt sie durch seine gestalterischen Möglichkeiten.
  • Kontext
    Die Umgebung, in der das Bild präsentiert wird, erzeugt zusätzliche Bedeutung. Die Aufnahme eines rollenden Panzers in einem Artikel über die Invasion in einem Land oder in einem Bericht über die Befreiung einer Region löst einen jeweils entsprechenden Eindruck aus. Obwohl es das gleiche Foto ist, wird es unterschiedlich bewertet. Ähnliche Motive werden ebenfalls verschieden gedeutet. Eine Gruppe von Menschen, die mit Koffern und Kindern an der Hand über einen Feldweg laufen, können unterschiedliche Gefühle wecken – je nachdem, ob es sich um Flüchtlinge aus Syrien oder der ehemaligen DDR handelt.
  • Zensur
    Und schließlich bestimmen die Kontrollorgane eines Landes oder einer Zeitung, was man zu Gesicht bekommt – oder nicht. Sobald eine Entscheidung für eine Veröffentlichung erforderlich ist, beginnt die Überwachung. Die Kriterien spielen dabei keine Rolle, da den möglichen Betrachtern die Entscheidung abgenommen wird – aus Gründen der Güte eines Bildes (z.B. ungeschickte Perspektive oder Unschärfe), fehlendem Gehalt des Fotos, angenommenem fehlenden Interesse, oder aber um unerwünschte Sachverhalte zu verbergen, ein kritischer Blickwinkel, Botschaften, oder Wahrheiten. Die Zensur ist bereits akzeptierte Praxis. Das beginnt bei den Regeln für guten Journalismus und endet sicherlich nicht bei den integrierten Journalisten (embedded journalists), die von einer Militäraktion berichten – keiner stört sich an der dem Einfluss der Militärs auf die Veröffentlichung.

Die Beeinflussbarkeit von Bildern ist keine Errungenschaft des heutigen Fotoshopzeitalters. Immer schon wurden Bilder verfälscht. Die Abbildung zeigt beispielsweise, wie Stalin mit in Ungnade gefallenen Genossen umging. Er ließ sie einfach aus den Bildern herausretuschieren. Die Medien suggerieren Neutralität, wenn sie von der Filterblase oder von populistischer Berichterstattung sprechen. Schaut und hört man genau hin, so fallen in jeder Nachrichtensendung die tendenziösen Untertöne auf. Da helfen auch keine sogenannten neutralen Fakten-Checks mehr.

Fazit: Was man auf einem Foto sieht, ist immer das Ergebnis des Herausfilterns eines oder mehrerer Aspekte. Dies erfolgt bewusst oder unbewusst, mit den besten Hintergedanken oder böswillig, den Betrachter unterstützend oder behindernd. In jedem Fall wirken die Filter, die die Wirklichkeit verfälschen. In Abwandelung eines bekannten Spruchs: Man kann Bilder nicht nicht verfälschen. Ein Indikator, der sich aber nur schwer prüfen lässt, ist die Herkunft der Bilder – sofern man diese ermitteln kann. Es gibt also keinen Grund irgendetwas zu glauben, sobald man es sieht.