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Hinhören

Der Drang seine eigene Position mitzuteilen treibt manche mit einem vorgefertigten Skript in ein Gespräch. Fast wie eine Sprachaufnahme wird der Dialog gestartet und ohne Pause abgespult. Üblicherweise sind die Sachverhalte stimmig. Die Gliederung beinhaltet die wesentlichen Punkte. Von Zeit zu Zeit ist die Beteiligung der Gesprächspartner in Form von Fragen eingebaut. Der eigene Standpunkt ist klar herausgearbeitet und mit einem griffigen Schluss versehen. Und trotzdem führt das Gespräch nicht zu dem gewünschten Ende. Bei näherer Betrachtung fällt einem dann auf, dass die Gelegenheit vergeben wurde, auf die Zuhörer zu hören.

Listen

Ein Gespräch besteht weniger aus Reden als aus Hinhören. Das Gehörte liefert soviel Inhalt, dass man sich beim Reden auf das beschränken könnte, was den Zuhörer wirklich interessiert.

  • Stellen die Ansprechpartner Fragen?
    Der direkteste Hinweis auf zusätzlich benötigte Informationen ist eine klare Frage der Zuhörer. Dies ermöglicht es die eigene Aussage so anzupassen, dass die Anderen sie besser verstehen können. Es ist Pech, diese Fragen nicht zu bemerken. Einerseits verpasst man die Chance, sich angemessen auszudrücken. Andererseits bauen sich beim Fragenden negative Gefühle auf. Aus diesem Grund sollte unter allen Umständen auf Fragen eingegangen werden. Und wenn es nur der Hinweis ist, dass man am Ende alle Fragen beantwortet.
  • Scheinen den Teilnehmenden Informationen zu fehlen?
    Die Gesprächspartner nutzen häufig den Moment, an dem der Vortragende Luft holt, um sich in die Bresche zu schmeißen und auch mal etwas zu sagen. Dabei handelt es sich meist um eine Rückmeldung, die einem verdeutlicht, was bisher angekommen ist oder was vielleicht noch fehlt. Hört man aufmerksam hin, dann kann man diese Missverständnisse heraushören und mit zusätzlichen Erläuterungen darauf reagieren. Als Vortragender sollte man immer besser vorbereitet sein, als die Teilnehmenden. Deshalb ist man in der Lage, die entsprechenden Klarlegungen zu liefern.
  • Haben die Gegenüber auch auf Nachfrage keine weiteren Informationsbedarfe?
    Am Ende der Vorstellung sollte in jedem Fall nachgefragt werden, ob sich im Verlaufe des Gesprächs weitere offene Punkte ergeben haben. Sollten Fragen bestehen, auf die man keine Antwort hat, dann kann man die entsprechenden Zusatzinformationen auch nachträglich nachliefern. Gibt es keine Wünsche mehr, dann ist es Zeit das weitere Vorgehen zu vereinbaren und das Gespräch zu beenden. Ist man früher fertig als geplant, so ist dies hervorragend. Die Gegenüber werden dankbar sein, etwas ungeplante Zeit geschenkt zu bekommen.

Zusätzlich lohnt sich der Blick zwischen die Zeilen.

  • Sind die Ansprechpartner in positiver Stimmung?
    Die positive Stimmung der Gegenüber wird erkennbar, wenn sie aufmerksam nickend und lächelnd zuhören.
  • Gibt es Signale von Desinteresse?
    Sobald der Blick der Zuhörer immer häufiger auf die Uhr oder das Handy abschweift oder die Zuhörer anfangen zu gähnen, wird das Eis sehr dünn. In diesem Fall kann man durch Anhebung der Stimme, durch einen Wechsel der eigenen Körperhaltung oder durch einen abschweifenden Kommentar erneutes Interesse wecken.
  • Befinden sich einige im Widerstand?
    An Mimik, Gestik und Körperhaltung werden Widerstände sichtbar. Heruntergezogene Mundwinkel oder der Griff an die Stirn oder, wenn sich ein Gegenüber abwendet, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sich Widerstand entwickelt. Dies kann soweit gehen, dass die Teilnehmer anfangen zu stören.

Am Ende des Gesprächs ist es hilfreich, die Ergebnisse kurz zusammenzufassen. Signalisiert das Publikum Zustimmung, dann haben Sie das Ende des Gesprächs erreicht. Dabei sollte man jedoch nicht erwarten, dass bereits alles verstanden wurde oder eine Vereinbarung bereits möglich ist. Es braucht mindestens eine Nacht, um dem Batchlauf im Kopf die Chance zu geben, die Ergebnisse für sich nachzuvollziehen. Danach steht einem Abschluss nichts mehr oder alles im Weg.

Fazit: Das Gespräch besteht nicht nur aus Reden, sondern vor allem anderen aus Hinhören. In den Rückmeldungen der Gegenüber finden sich Hinweise auf deren Bedürfnisse. Gleichzeitig spricht der Körper eine klare Sprache. Durch die aufmerksame Beobachtung der Gegenüber werden einem wichtige Anhaltspunkte bezüglich deren Stimmung geliefert. Auf dieser Grundlage lassen sich Gespräche wirkungsvoller gestalten. Deshalb – mehr Hinhören.

Der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis

Die Sprache bietet keine hinreichende Grundlage, um einen Satz zu interpretieren. Reißen wir einen der Weltliteratur aus seinem Kontext – „Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, offenbar nicht, dass er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine Unterhaltung anzuspinnen”. Man kann sich besser vorstellen, was gerade passiert, wenn man weiß, dass der Satz aus Anna Karenina von Leo Tolstoj stammt. Sofort passen sich die inneren Bilder an. Macht man sich noch bewusst, dass man sich in einem Zugabteil befindet, kommt man der Sachlage noch näher. Die folgende Abbildung schafft links einen Bezugsrahmen und bietet rechts Genussmittel für Raucher. Welches passt am besten? Das hängt davon ab, welcher Sinnzusammenhang in Ihrem Kopf besteht, denn der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis.

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Wenn man einen Vortrag vorbereitet, muss man sich um die Begleitumstände kümmern. Es sind drei Aspekte, die diesen Gesamtkontext beeinflussen.

  • Die Präsentation
    Da man nur die Dinge versteht, die man in Worte und Bilder ausdrücken kann, ist die Gestaltung der Präsentation eine Voraussetzung für die Übertragung von Bedeutung. Die meiste Zeit beschränken sich manche auf die Ermittlung von Fakten, die es wert sind, mitgeteilt zu werden. Leider endet damit für viele die Vorbereitung. Dabei sollten die Informationen stets aufmerksam in die entsprechenden Worte, Metaphern und Visualisierungen übersetzt werden, die die Zielgruppe verstehen. Die Vermittlung der eigenen Ideen ist der eigentliche Zweck. Am Ende muss der Wurm dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.
  • Die Veranstaltung
    Der Deutungsrahmen, der durch die Veranstaltung aufgebaut wird, bestimmt die Auslegung der Botschaften. Der Titel der Veranstaltung, die verschiedenen Themenbereiche und die teilnehmenden Referenten mit ihren Programmpunkten lenken die Aufmerksamkeit des Publikums in eine bestimmte Richtung. Mitteilungen, die nicht in den Rahmen passen, werden sich schwertun, ausreichend Beachtung zu erhalten. Aus diesem Grund sollte man sich stets überlegen, wie man die eigenen Beiträge auf den Rahmen der Veranstaltung zuschneidet. Zumindest sollten Titel, Beispiele und Präsentationsstil sich in das Programm einfügen. Schließlich brauchen die Botschaften den gelockerten Boden im Bewusstsein des Publikums, damit sie Wurzeln schlagen können.
  • Die Zielgruppe
    Der Gesamtkontext wird bestimmt durch die Herkunft und das Fachgebiet der Zuhörer. Der kulturelle Hintergrund lässt sich aus dem Ort der Veranstaltung ableiten. Kommen die Adressaten aus der westlichen Hemisphäre, sind sie beispielsweise durch Werte geprägt, wie Gut und Böse, Richtig und Falsch. Die fernöstliche Herkunft baut auf der Ausgewogenheit von Yin und Yang auf. Entsprechend ist der Wunsch nach Anerkennung im Westen mehr und im Osten weniger ausgeprägt. Die Eigenschaften der zu erwartenden Teilnehmer lassen sich auch aus der Veranstaltung ableiten. Dabei geht es vor allem um die Unterscheidung, ob es sich um technik-, verkaufs- oder führungsorientierte Zuhörer handelt. In jedem Fall sollte die Präsentation an den jeweiligen Anlass angepasst werden. Schließlich gibt es keinen allgemeinen Ablauf des Vortrags, der für alle erdenklichen Gelegenheiten passt.

Jeder Zuschauer und alle Vortragenden bringen ihren Gesamtkontext ein. Die Wirkung des Austauschs von Informationen ergibt sich aus dem Grad der Überlappung, den man für die Gesamtkontexte zustande bringt. Inwieweit man dies schafft, erkennt man an der Reaktion des Publikums.

Fazit: Der Gesamtkontext bestimmt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Botschaft die Zielgruppen erreicht. Dabei spielen weniger die eigenen Vorlieben eine Rolle, sondern vor allem die angepasste Präsentation, der allgemeine Veranstaltungsrahmen und die jeweilige Zielgruppe. Da sich der Kontext von einer zur anderen Veranstaltung stets ändert, sollten die entsprechenden Vorstellungen immer an den jeweiligen Fall angepasst werden, denn der Gesamtkontext bestimmt das Verständnis.