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Der Bildausschnitt – die ideale Metapher für Nichtwissen

„Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor“
J.W. Goethe

Wir sind hin und hergerissen zwischen der beunruhigenden Tatsache, dass uns das meiste Wissen verborgen bleibt und der Verwunderung darüber, dass wir nicht wissen, was wir wissen. Das geistige Kapital und seine Verknüpfungen stecken in den Köpfen von Menschen, auf Speichermedien (z.B. an den Höhlenwänden, in Stein und Ton, Handschriften, Bücher, Mikrofilm und PC-Dateien), in Artefakten (z.B. Gegenständen, Kunst und Architektur) und Konzepten aller Art. Zwar beschreiben Autoren Gegebenheiten nach bestem Wissen und Gewissen, aber viel versteckt sich zwischen den Zeilen. Wir unterliegen der Illusion, dass wir unser Wissen weitergeben können. Dabei zeigt das Meta-Modell der Sprache, dass wir unsere Botschaften unvollständig äußern und verzerrt interpretieren. Anhand eines Photos kann diese Situation verdeutlicht werden.

Ein Bild ist stets eine flache Abbildung der Wirklichkeit. Allerdings ist der Blick durch den Sucher einer Kamera so eng, dass fast alles nicht zu sehen ist. Gleichzeitig liegt die Bedeutung des sichtbaren Bereichs im Auge der Betrachter. Wer die Unmöglichkeit vollständigen Wissens versteht, kann besser mit der Vagheit von „Fakten“ umgehen.

  • Innerhalb des Rahmens
    Der Bildausschnitt ist das Ergebnis des ausschließenden Blickes durch den Sucher, unabhängig von der Linse – auch wenn der Unterschied zwischen einem Weitwinkel- und einem Teleobjektiv die Bildaussage beeinflusst. Überraschenderweise sehen wir nicht alles, was sichtbar ist, da unbewusste Filter die Aufmerksamkeit ablenken – abhängig von unseren Interessen, Gefühlen, mentalen Modellen und unserer Lebenssituation. Die Frisierenden betrachten den Zopf, die Nähenden das Kleid und Eltern den Teddybär.
    Das Gleiche passiert in anderen Zusammenhängen. Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr „Bildinhalte“ sind verfügbar. Der Vorstandvorsitzende Heinrich von Pierer hat das 1995 mit den Worten zusammengefasst „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß“. Die gespeicherten Inhalte werden verrauscht durch redundante, meistens inkonsistente Daten. Und als ob das nicht schon genug wäre – alles befindet sich ohne Unterlass in Bewegung. In Abwandelung eines alten Spruchs: Wissen ist wie Rudern gegen den Strom. Wer aufhört zu Neues aufzunehmen und nicht vergessen kann, der fällt zurück.
    Sie müssen lernen, das vorhandene Wissen, das in Speichern und in den Köpfen der Leute steckt, fortwährend auf den neuesten Stand zu bringen und verfügbar zu halten.
  • Außerhalb des Rahmens
    Der Sucher wirkt wie Scheuklappen. Alles jenseits des Bildausschnitts ist völlig unsichtbar – auch wenn wir mithilfe eines extremen Weitwinkels oder eines Fischauges, unser natürliches Blickfeld erweitern können. Im Gegensatz zu unseren Augen, die in der Sehgrube (Fovea centralis) am schärfsten sehen und den Rest unscharf wahrnehmen, auch wenn Bewegungen in diesem Bereich bemerkt werden, liefert die Optik keinerlei Hinweise, was außerhalb des Gesichtsfelds passiert. Dadurch ist es schwer zu erkennen, wo das kleine Mädchen sich befindet (siehe Bild oben). Wo läuft das Kind? Im Wald? In einer Stadt? Zwischen Ruinen?
    In gleicher Weise können wir nicht über unser Sichtfeld hinausblicken. Goethes Faust (s.o.) hat das auf den Punkt gebracht. Vor allem für Personen, die ihre Existenzberechtigung aus ihrem erworbenen Wissen ziehen, ist es nicht auszuhalten, dass es etwas geben soll, das sie nicht wissen. Und das, obwohl wir seit den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts die Halbwertszeit von Wissen kennen (i.e. die Dauer, bis das erworbene Wissen nur noch die Hälfte wert ist – Schulwissen nach 20 Jahren, Hochschulwissen nach 11 Jahren, berufliches Fachwissen nach sieben Jahren, Technologiewissen nach fünf Jahren und EDV-Wissen nach zweieinhalb Jahren). Beispielsweise das Wissen der IT-Fachleute ist nach zehn Jahren fast völlig wertlos, wenn sie es nicht regelmäßig erneuern – was bleibt, ist langjährige Erfahrung.
    Sie kommen nicht umhin, neues Wissen außerhalb ihrer bestehenden Kenntnisse zu entdecken und zu sammeln, da Sie nur so im Wettbewerb bestehen können.
  • Mit Kontexthinweisen
    Die bewusste Untersuchung eines Bildes liefert Hinweise auf die Situation, in der es entstanden ist – z.B. zeitgenössische Fahrzeuge, Gebäude, Bekleidung oder das genutzte Filmmaterial. In Zeiten der nachbearbeiteten Photos können wir uns allerdings weder auf diese Hinweise noch auf das verlassen, was wir im Bild zu sehen scheinen. Aus diesem Grund lohnt sich stets der Blick in die Bildnachweise, soweit vorhanden, in denen die Aufnahmesituation beschrieben wird – z.B. Aufnahmezeitpunkt, -ort oder -protagonisten. Das kleine Mädchen läuft beispielsweise irgendwann über Wurzeln durch die Ruinen einer Stadt im Nahen Osten.
    In gleicher Weise bemühen wir uns beispielsweise, einen Bericht mit ausreichenden Kontexthinweisen anzureichern. Dies erfolgt durch aussagekräftige Geleitworte, Fußnoten und Anhänge, die den Kontext liefern – wenn auch nicht ausreichend für alle.
    Einen Rahmen zu liefern, der mit Inhalten gefüllt ist, hat die klare Absicht, der Zielgruppe eine Gelegenheit zu bieten, sich zu informieren. Dies lässt sich durch die Anreicherung mit dem Erstellungskontext erreichen. Die Berichtenden verschanzen sich aus leicht nachvollziehbaren Gründen (z.B. Trägheit, Bequemlichkeit, F***heit) hinter Ausreden, wie z.B. den Worten „Es ist doch allen klar, worum es geht.“, „Das braucht niemand.“, „Dafür war keine Zeit.“.
    Fügen Sie stets eine Kurzbeschreibung des Kontextes hinzu, da es den Empfangenden die Einordnung in ihr Weltbild erleichtert.
  • Ohne Kontexthinweise
    Die Betrachtenden geben einem Bild umso mehr Bedeutung, desto mehr Freiräume für Interpretation bestehen. Das gilt vor allem für fehlende Anhaltspunkte bezüglich des Kontexts. Solange wir nicht wissen, wann, wo ein Photo aufgenommen wurde sowie ohne Hinweis, was eigentlich gezeigt werden soll, regt es die Fantasie an. Ein künstlerisches Bild von Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter können wir uns gut vorstellen – aber wo ist die rote Kappe, der Essenskorb, und was soll der Teddybär. Aber wir bemerken, dass schon die Anspielung auf das Märchen einen neuen Kontext schafft, der allerdings in diesem Fall in die falsche Richtung weist. Die Geschichte hinter einem Bild ist weniger von Bedeutung als beispielsweise die ästhetische Wirkung. Jedoch erhöhen selbst hier Angaben zur Entstehung den Genuss.
    Den meisten fehlt die Darstellung des tatsächlichen Kontextes von Mitteilungen. Das beginnt bei dem Scope der Betrachtung – die organisatorische und die prozessuale Einordnung, die Beschreibung der aktuellen Situation und des Zeitraums sowie Hinweise auf ausgeschlossene Sachverhalte. Da die meisten Berichte kontaminiert sind mit veralteten, zu verschiedenen Zeitpunkten erhobenen und unterschiedlich gemeinten Daten, sollte auf diese Schwächen hingewiesen werden. Andere Anhaltspunkte wären, wer davon profitiert oder wer damit Geld verdient. Es ist schwer zu verstehen, dass wir nie alles wissen (können). Dennoch ist es besser, ungenügende Kontexthinweise bereitzustellen, als keine.
    Angaben zum Umfeld der Entstehung zu liefern ist wichtig, um eine Botschaft verständlicher vermitteln zu können.

Fazit: Sokrates hat es bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden erkannt: „οἶδα οὐκ εἰδώς“ (frei übersetzt „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“). Es wäre interessant herauszufinden, auf was er sich bezog – auf die Sachverhalte innerhalb oder außerhalb des „Bildausschnitts“. Nehmen wir der Einfachheit halber an, auf beides. Auch wenn es manchen Menschen Unbehagen verursacht, weil sie es als persönliche Schwäche ansehen, zu sagen, dass sie etwas nicht wissen, müssen sie akzeptieren, dass es unendlich viel gibt, das sie nie erfahren werden – sogar innerhalb des Ausschnitts, den sie sehen. Am Ende ist es UNMÖGLICH zu sagen, was außerhalb des Bildes zu finden ist. Der Kontext ist in diesem Beitrag separat erwähnt, da es sich um Metahinweise handelt, die zum Rahmen innen UND außen gehören. Alle, die diese Sichtweise bereits nachvollziehen können, haben einen Vorteil, da sie in der Lage sind, einen undogmatischen Diskurs zu führen. Die Anderen werden früher oder später ihren Alltag aufmerksam verfolgen und am Ende ihre starre Denkweise ebenfalls hinter sich lassen – lieber spät als nie. Anhand eines Bildausschnitts, dem eigentlichen Bild, können wir diese Unwissenheit verdeutlichen. Deshalb ist der Bildausschnitt, der ein Bild vom Kontext trennt, die ideale Metapher für Nichtwissen.

Die Flut – die ideale Metapher für zu viel zu viel

Wir rasen unentwegt mit über 100.000 km/h um die Sonne. Gleichzeitig dreht sich die Erde mit über 1600 km/h um ihre eigene Achse – und wir spüren nichts. Allerdings erzeugen die Erdrotation sowie die Konstellation von Sonne und Mond regelmäßig Störungen, die die Weltmeere in Schwung versetzen. Wer die Küsten der Weltmeere besucht hat, konnte die Auswirkungen der Welle, die um die Erde schwappt, beobachten. Der Tidenhub, die Stärke von Ebbe und Flut, wird dabei zusätzlich von der Wetterlage beeinflusst. Der Wasserstand schwankt je nach Region bis zu 15 Meter. Und dann gibt es noch die große Flut – eine überlieferte Geschichte, die in verschiedenen Kulturkreisen erzählt wird. Die Flut setzt dabei den Startpunkt für eine neue Zeit, nachdem alles Unerwünschte überschwemmt wird und in den Wassermassen verschwunden ist. Die Flut ist durch ihre Überfülle zu einem Synonym von viel zu viel geworden.

Bei näherer Betrachtung ergeben sich interessante Gesichtspunkte.

  • Begriff
    Die Erde ist mit 71% Wasser bedeckt. Diese 1,4 Milliarden Kubikkilometer von Wasser werden durch die Konstellation von Sonne und Mond in Bewegung gehalten. Die Gezeiten bestehen aus dem fallenden Wasser, der Ebbe, und dem steigenden Wasser, der Flut. Sie lösen sich innerhalb von 25 Stunden zweimal ab. Zusätzlich wird der Begriff Flut allgemein genutzt für große Wassermassen und für Fluten aller Art, z.B. Informationsflut, Bilderflut, Briefflut, Antragsflut, Warenflut, Reizüberflutung. Im übertragenen Sinn steht der Begriff für viel zu viel.
  • Auslöser
    Fluten entstehen durch Konstellationen der Sonne und des Mondes, Naturkatastrophen und menschgemachten Einflüssen. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Erdrutsche oder Starkregen führen an unterschiedlichsten Orten zu sintflutartigen Wassermassen. Im Zeitalter des Anthropozäns erzeugt die Menschheit mit der Versiegelung von Böden durch Städte- und Straßenbau, Fabriken und industrielle Landwirtschaft Schäden in der Natur. So entsteht ein Ungleichgewicht, das zu einem anhaltenden Wandel des Klimas führt, aufgrund der stetigen Erwärmung der Erde und der Verschiebung von Klimazonen. Die Abschmelzung des Eises an den Polkappen und den großen Gletscherregionen führen zu einem steigenden Meeresspiegel, der Megacitys, wie beispielsweise Kalkutta, Mumbai und Guangzhou sowie Miami, New York und Tokio bedroht. Verallgemeinert entstehen Fluten durch viel zu viel.
  • Stärke
    Das Ausmaß einer Flut wird durch den Pegelstand ermittelt. Da die Höhe des Pegels an sich nichts aussagt, ist ein Richtwert, ein Referenzpunkt erforderlich. Beim Wasser unterscheiden wir mittleren Wasserstand, mittleres Niedrigwasser und mittleres Hochwasser. Das höchste Hochwasser ist der größte je gemessene Wert. Daneben werden historische Überflutungsbereiche gekennzeichnet. Bautätigkeit in diesen Bereichen ist riskant. Nach langen Perioden ohne Überschwemmung hält dies die Menschen jedoch nicht davon ab, in diesen Gebieten erneut Gebäude und Straßen zu bauen. Ein abschreckendes Beispiel ist die Region von Fukushima, wo Häuser in bekannten Überschwemmungsgebieten gebaut und prompt wieder überflutet wurden. Dammanlagen schützen die gefährdeten Gebiete, solange sie hoch genug sind. Allerdings steigt der Meeresspiegel durch den Klimawandel und erfordert immer umfangreichere Dammanlagen – bis sich das Wasser nicht mehr abhalten lässt. Der Lebensraum von über 250 Millionen Menschen, vor allem im Osten Asiens sowie am Golf von Mexiko und der Atlantikküste, ist in absehbarer Zeit von Überflutungen bedroht. Für die anderen Fluten (siehe oben) müssen Pegel noch festgelegt werden, um von einer Flut sprechen zu können. Im übertragenen Sinn braucht es auch Messgrößen für das viel zu viel.
  • Folgen
    Die Auswirkungen einer Flut drehen sich nicht nur um die eigentliche Überflutung, sondern auch um die langfristigen Nachwirkungen. Während frühere Fluten durch Hörensagen überliefert wurden, sehen wir heute Videos, die fast in Echtzeit das Geschehen zeigen. Im Jahr 2004 bebte es im Indischen Ozean, was einen Tsunami auslöste, der mehr als 220 Tsd. Menschenleben forderte und in kürzester Zeit in den Nachrichten und im Internet zu sehen war. In der Folge wurden die Trinkwasserquellen verunreinigt, 1,7 Millionen Menschen obdachlos, fruchtbarer Ackerboden weggeschwemmt und ganze Landstriche unbewohnbar. Innerhalb eines Jahres wurden geschätzte 13,8 Mrd. Dollar zum Wiederaufbau der betroffenen Regionen bereitgestellt. Heute überwachen 300 vollautomatische landgestützte Messstationen und bilden so ein Frühwarnsystem. Fluten bedrohen darüber hinaus alle Arten technischer Infrastruktur. In Fukushima führten unerwartet starke Wellen zum Super-GAU und zu bis heute radioaktiv verseuchten Landschaften in der Region Sendai. In Ausnahmefällen schaffen Überschwemmungen auch Lebensraum. Die jährlichen Überschwemmungen des Nils lieferten den fruchtbaren Boden und die benötigte Feuchtigkeit für diese frühe Hochkultur.
    Im allgemeinen Sprachgebrauch von viel zu viel erzeugen Fluten Überforderung und Stress bei den Betroffenen.
  • Bedeutung
    Die Flut hat vor allem die Bedeutung des viel zu viel. Anwendbar ist diese Metapher, wenn etwas passiert, getan oder entwickelt wird, sich annähert, ansteigt oder wandelt. Es überspült, wann immer das Gleiche sich aufschaukelt – z.B. Telefone unentwegt klingeln, immer mehr E-Mails eingehen; immer häufiger Entscheidungen angefordert werden; sich eine Botschaft viral im Internet verbreitet; eine steigende Anzahl von Kunden den Laden stürmt; die Auslastung der Rechnernetze explosionsartig hochgeht; kleine Verbesserungen ein Gesamtsystem infrage stellen. Das Bild einer Flut wird vor allem in unterschiedlichen Bereichen der Kommunikation genutzt – die Datenflut, die Erkenntnisse unter sich begräbt; die Flut von Informierungsbedarfen, die klare Botschaften verwischen; die Nachfrageflut, die zu einer großen Menge an Angeboten führt; die Problemflut, in der die Fragmentierung der Interessen die Leidtragenden ertrinken lässt. In den meisten Fällen machen Fluten Angst. Aus diesem Grund sollte der Begriff mit Vorteilen einhergehen: viele Anfragen sind ein Kennzeichen von Interesse; massenweise Entscheidungen sind ein Zeichen von Momentum; gewaltige Datenmengen sind eine Grundlage für geschickte Auswertungen; vielschichtige Problem werden mit einem strukturierten Ansatz beherrscht. Es gilt landläufig, viel zu viel ist in den meisten Fällen besser als zu wenig.

Fazit: Die Flut ist ein bedrohliches Bild, das durch sein viel zu viel Ängste weckt. Der Begriff findet sich seit Jahrtausenden als virale Meme in unterschiedlichsten Kulturen. Die meisten Auslöser führen zu einer starken Gefahr, auf die wir nur reagieren können. Am Ende entstehen durch eine Flut große Schäden. Mithilfe entsprechender Vor- und Nachbereitung können diese so weit wie möglich gemindert und schließlich überwunden werden. Das Gleiche gilt im übertragenen Sinn für die abstrakten Fluten der Wahrnehmung, des Denkens, der Kommunikation und der Handlungen, die zumeist zu Angst und Disstress bei den Betroffenen führen. Das macht die Flut zu einer idealen Metapher für viel zu viel.