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Spiegelneuronen – Autostart für Veränderung

Im Gegensatz zur Speicherung von Daten in einem Computer besteht unser Lernen in der Anhäufung von Erfahrungen, die sich zunehmend durch die Verknüpfung von Neuronen im Gehirn aufgrund von ähnlichen Erkenntnissen verankern. Je mehr wir wissen, desto leichter wird es, etwas Neues zu lernen. Die spannende Frage ist, wie die Aktivierung der ersten Neuronen beginnt, solange es noch keine Anknüpfungspunkte gibt. Vielleicht sind es die Spiegelneuronen, die die ersten Speicherungen ermöglichen, selbst wenn bisher keine Aktivierung besteht.

Die Spiegelneuronen liefern die Reflexe, über die ein Baby bereits kurz nach der Geburt verfügt. Nimmt man Minuten nach der Geburt ein Baby auf den Arm und streckt die Zunge heraus, passiert etwas Erstaunliches: Das Baby streckt ebenfalls die Zunge heraus. Diese Fähigkeit der Nachahmung könnte die genetische Voraussetzung für unser Lernen sein. Was bedeutet diese Fähigkeit für uns?

  • Wir können völlig Neues lernen
    Wer einmal eine völlig andersartige Sprache gelernt hat, kennt den Effekt. Für buchstabengewohnte Menschen wird das Erlernen von zeichenbasierter Kalligrafie, wie Chinesisch oder Japanisch, zu einer zusätzlichen Hürde – die „unlesbaren“ Zeichen, deren Aussprache sich nicht aus der Schreibung ableiten lassen, sondern gelernt werden müssen. Nachdem allerdings die Grundlage in der Verschaltung der Neuronen durch regelmäßiges Nachmachen und Üben geschaffen ist, wird es stetig leichter, das Netz der Neuronen mit zusätzlichen Zeichen zu erweitern.
    Das Gleiche gilt in allen anderen Lebensbereichen. Sobald wir eine neue Arbeitsweise übernehmen sollen, fällt es erst einmal schwer uns von den alten Mustern zu lösen sowie das Neue anzunehmen und zu verstehen. Die Betroffenen müssen dabei ihre bestehenden Vernetzungen neu verschalten. In diesen Fällen braucht es Vorlagen, die die Lernenden nachahmen können. Dabei helfen Geschichten, die erzählt werden, oder Rollenspiele, die vorgeführt werden – oder Artikel, Bücher, Podcasts oder Videos. Mit diesen Startimpulsen wird den Betroffenen das Lernen erleichtert.
  • Gemeinsames Lernen ist produktiver
    Das Futter für die Spiegelneuronen findet sich im persönlichen Umfeld. Es braucht eine Quelle an der man sich orientieren und die man nachahmen kann. In der Grundschule lernte man früher das Malen, indem die Schüler um den Lehrer herum standen und ihm beim Malen eines Baums voll von weißen Blüten aus Deckweiß zuschauten. Auf diese Weise wurden die Spiegelneuronen mit Verhaltensmustern versorgt, die dann beim eigenen Malen weiter verstärkt wurden. Zusätzlich hatte man die Möglichkeit, sich bei den Nachbarn weitere Tricks abzuschauen.
    Im Geschäftsleben werden derartige Lernsituationen durch Übungen geschaffen, in denen die Teilnehmer Aufgaben im Team lösen. Diese Art des dynamischen Lernens in Business Exercises knüpft an den bestehenden Erfahrungen der Teilnehmer an und nutzt die Möglichkeit, voneinander zu lernen.
  • Denkbeschränkungen sind kontraproduktiv
    Da es sich beim Lernen zu großen Teilen um eine unterbewusste Aktivität handelt, sind alle Arten von Denkbeschränkungen schädlich für den Fortschritt. Es darf keine Denkverbote, Kritik, Wertungen oder Ähnliches beim Lernen geben. Im Gegenteil. Die Teilnehmer sollten animiert werden Ihren Intuitionen zu folgen, Gedanken von Anderen weiterzuspinnen und Undenkbares, Unmögliches und Unsinniges einbringen zu können, denn das nutzt die bestehenden Verschaltungen im Gehirn aller Teilnehmer, die erweitert werden sollen. Auf diese Weise erzeugen die Beteiligten etwas Größeres, als sie in Summe alleine zuwege gebracht hätten.
    Alles, was es dafür braucht, sind Regeln, die das Wissen, die Erfahrungen und Meinungen zulassen – z.B. wie die Regeln im Brainstorming oder Design Thinking.
  • Spontanität zulassen
    Streckt das Baby nach der Geburt die Zunge heraus, wenn es jemanden die Zunge herausstrecken sieht, so handelt es sich nicht um eine bewusste Aktivität des Babys, sondern um das Sichtbarwerden eines angeborenen Reflexes. Erwachsen haben wir uns daran gewöhnt, mit Beschränkungen zu leben. Dies führt dazu, dass wir nicht mehr spontan sind – weil wir gelernt haben Kritik und Maßregelungen aus dem Weg zu gehen. Möchte man große Fortschritte ermöglichen, sollte man die natürlichen Impulse der Anwesenden zulassen, die durch die Spiegelneuronen hervorgerufen werden.
    Im Alltag beschränken sich Teams, indem sie sich gegenseitig ausbremsen oder bestätigen, der Meinung der Mehrheit folgen und ihre Ideen zurückhalten aus Angst vor einer schlechten Rückmeldung. Aus diesem Grund sollten die Teilnehmer einer Veranstaltung ermutigt werden, sich offen auszutauschen. Zusätzlich kann man durch anonyme Techniken, wie schriftlichen Äußerungen auf Metaplankarten, die eingesammelt und dann besprochen werden, die Hürde für die Teilnehmer absenken.
  • Aber … Auf kognitive Verzerrungen achten
    Arbeitende Spiegelneuronen sind jedoch nicht nur von Vorteil. Durch sie schleichen sich auch Automatismen in unsere täglichen Entscheidungen ein – die sogenannten Bias. So haben beispielsweise Gruppen die Tendenz, schlechtere Entscheidungen zu treffen, weil sie sich an die Gruppenmeinung anpassen, obwohl sie es besser wissen. Oder der Halo-Effekt, bei dem man seine Erwartungen von bekannten Eigenschaften einer Person ableitet, obwohl diese Rückschlüsse irreführend sein können. Spiegelneuronen wirken, auch wenn es nicht immer von Vorteil ist.
    Für die Praxis erfordert das ein sensibles Hineinhören in das Geschehen. Durch gezielte Störungen, indem beispielsweise eine Antithese in den Raum geworfen wird, besteht die Möglichkeit derartige Gruppeneffekte zu verringern.

Fazit: Wir lernen am Besten in der Gruppe. Dabei helfen Spiegelneuronen, die es ermöglichen uns unterbewusst an Menschen anzupassen, die um uns herum in einer ähnlichen Situation sind. Dies passiert in Sitzungen, Workshops und anderen Veranstaltungen. Wir können dadurch Startschwierigkeiten überwinden, die auftreten, wenn man etwas Neuem ausgesetzt wird, das man mit seiner Erfahrung noch nicht verbinden kann. Unsere Spiegelneuronen machen das Lernen im Team zu einer Autobahn der Veränderung. Dafür darf es keine Denkbeschränkungen geben und spontane Ideen, die noch kein Allgemeingut sind, sollten gefördert und wertgeschätzt und nicht mit Killerphrasen unterdrückt werden. Es ist jedoch geschickt, wenn man die unerwünschten, kognitiven Verzerrungen, die sich ergeben, im Auge behält. Unsere Spiegelneuronen sollten genutzt werden bei weitreichenden Neuerungen, denn damit ermöglichen sie einen Autostart für Veränderung.

Lernen ist eine völlig persönliche Angelegenheit

Schon in der Politeia hat Platon formuliert „was gebührendermaßen der Nichtwissende zu leiden hat … ist, zu lernen von dem Wissenden“. Grundsätzlich war dadurch schon früh klar, dass Lernen mit persönlicher Leidenschaft zu tun hat. Nur die Interessierten und Neugierigen verfügen über ausreichend Hartnäckigkeit, um ihr Wissen außerhalb der Komfortzone zu erweitern. Sichtbar wird das anschließend in ihren Änderungen des Verhaltens, die durch Beobachtungen, Erfahrungen und Übungen möglich werden. Obwohl das seit zweieinhalbtausend Jahren bekannt ist, herrscht weiterhin die Vorstellung, man könnte Menschen das gewünschte Wissen eintrichtern. Dabei wird übersehen, dass bestenfalls Daten übertragen werden. Diese Daten können für Einige jedoch als unerwünschtes Rauschen angesehen werden, wenn ihnen der Anreiz zur Verarbeitung der empfangenen, zu Beginn unverständlichen Zeichen fehlt. Lernen lässt sich nicht erzwingen, da es eine völlig persönliche Angelegenheit ist.

Der Lernvorgang findet auf ganz persönliche Weise ausschließlich im Kopf jeder Einzelperson statt. Weder Informationen, Wissen oder Weisheit können dabei weitergegeben werden, da sie nur in den Köpfen einer jeden Person existieren – auch wenn Artefakte wie Bücher und Filme den Eindruck vermitteln, dass es sich um mehr als die Übermittlung von Daten handelt. Um dies zu verdeutlichen, werfen wir mal einen Blick auf die aufeinander aufbauenden Elemente der Bedeutung.

  • Zeichen
    Ausgangspunkte für unseren Kontakt mit der Umwelt sind unsere sinnlichen Wahrnehmungen, die wir über die Augen, Ohren, Körper, Nase oder über die Zunge aufnehmen. Die Flut der Reize, denen wir ausgesetzt sind, ist unvorstellbar groß. Um nicht verrückt zu werden, blenden wir die meisten Signale unbewusst aus. Die verbleibenden Signale wecken unsere Aufmerksamkeit und werden auf einem noch unbekannten Weg zu Gedanken, die wir nur eingeschränkt beschreiben können – außer den Sachverhalten, die wir als Daten encodieren können.
  • Daten
    Diese Daten wandeln wir in Botschaften, die wir mit unserem Möglichkeiten des Ausdrucks weitergeben, z.B. mit Hilfe von gesprochener oder geschriebener Sprache oder Musik oder Visualisierungen oder unserem Verhalten. Der Sender codiert dabei seine Gedanken so gut wie möglich. Eine gängige Metapher ist die Datenverarbeitung eines Computers – auch wenn unser Gehirn so nicht arbeitet. Der Computer arbeitet mit Einsen und Nullen (001000111). Zwar messen wir elektronische Aktivitäten im Kopf und können Hirnbereiche bestimmten Denkvorgängen zuordnen, aber wie genau unser Bewusstsein dadurch entsteht, wissen wir noch nicht. Damit wäre die Übertragung von Daten beschrieben, die im nächsten Schritt zu Information werden können.
  • Information
    Die Empfänger, die in der Lage sind, die empfangenen Daten zu decodieren, wandeln den Datenstrom um, beispielsweise in eine Zahl (z.B. 39). Erst durch die Verknüpfung mit weiteren Daten wird daraus eine Information. Sobald dem Adressaten bewusst wird, dass der Wert aus einem Thermometer stammt, mit dem die Temperatur einer Person gemessen wurde, erkennen wir, dass jemand Fieber hat. Handelt es sich dabei um einen neuen Sachverhalt oder um die Aktualisierung einer früheren Messung, dann werden die Daten zu einer Information, die unsere Aufmerksamkeit erfordert. Jetzt ist medizinisches Wissen erforderlich.
  • Wissen
    Je nach Wissensstand können bestimmte Personen, beispielsweise Doktoren der Medizin, aufgrund bereits vorhandenem Wissen das Anlegen von Wadenwickeln oder die Verabreichung eines fiebersenkenden Mittels verordnen. Derartige Schlüsse könnte auch ein Computer ziehen. Der wirkliche Unterschied in der Behandlung entsteht, wenn jetzt noch Weisheit dazukommt.
  • Weisheit
    Mit der Zeit sammelt sich immer mehr Wissen an, das verknüpft mit bereits bestehenden Erkenntnissen zur Weisheit führt. Entsprechend beobachtet der weise Arzt nicht nur das Thermometer, sondern hat einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten. Bei weitergehender Untersuchung entdeckt er eine offene Wunde und weitere Symptome. Aufgrund seiner Erfahrung und seiner vorausschauenden Weisheit erkennt er eine Blutvergiftung. Jetzt reichen die Wadenwickel nicht mehr.

Die vorgestellten Ebenen der Bedeutung werden im Alltag gerne vermischt. Mit der Annahme, dass es sich um Informationen handelt, meinen viele, dass alle Ebenen sich leicht transportieren und vermitteln lassen. Tatsächlich lassen sich aber nur Daten verbreiten. Für den Sender kann eine Gruppe von Strichen viel Bedeutung haben. Für diejenigen, die die Schrift oder die Symbolik eines Bildes nicht kennen, bleiben diese Zeichen unverständlich – ein gutes Beispiel ist das Voynich-Manuskript. Selbst Daten bleiben einem häufig verschlossen – oder wer versteht das Folgende?

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Übertragbar sind nur die Daten, die der Sender zu einer Nachricht zusammenstellt. Im Kopf des Empfängers werden die Daten, die er versteht, zu Informationen, die mit anderen Informationen bzgl. des Kontextes verknüpft werden. Im Zusammenspiel mit vorhandenem Wissen werden schließlich Handlungen abgeleitet. Der Übergang zur Weisheit ist fließend, benötigt viel Zeit und Anreiz zu lernen. Das Wissen und die Verknüpfung von unterschiedlichen Wissensgebieten führen schließlich zu außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Fazit: Informationsaustausch, Wissenstransfer, Wissensmanagement, Wissensvermittlung oder Nürnberger Trichter, mit denen Wissen verbreitet werden soll, sind zwar scheinbar pragmatische Ansätze, scheitern jedoch oft an der fehlenden Bereitschaft zu lernen. Da nur Daten vermittelbar sind, ist es erforderlich, dass die Einzelperson sich anstrengt, die Daten in Information umzuwandeln, zu Wissen verarbeitet und irgendwann über soviel Erfahrungen verfügt, dass man von Weisheit spricht. In der Kommunikation entscheidet der Empfänger mit seinem Erfahrungshorizont über die Bedeutung – jeder hat dabei seinen eigenen Gesichtskreis und häuft deshalb seine ganz persönlichen Einsichten an. Aus diesen Gründen ist Lernen eine völlig persönliche Angelegenheit.